Interview: Prof. Claus Vogelmeier zur DGIM-Jahrestagung 2019

"Wir müssen raus aus unserem Elfenbeinturm"

"Wir müssen raus aus unserem Elfenbeinturm"
©Schunk

Anfang Mai findet die DGIM-Jahrestagung erstmals im neuen RheinMain CongressCenter statt. In diesem Interview verrät DGIM-Präsident Prof. Claus Vogelmeier, welche Neuerungen es abgesehen von der Rückkehr nach Wiesbaden geben wird, und worauf er sich besonders freut.

Das Leitthema des Kongresses lautet „Digitale Medizin – Chancen, Risiken, Perspektiven“. Wie kann man Ihrer Meinung in der Inneren Medizin die Chancen nutzen, ohne dass die Risiken zu unerfreulichen Konsequenzen führen?

Prof. Dr. Claus Vogelmeier: Das ist eine sehr interessante Frage, die viele verschiedene Perspektiven aufweist. Es gibt ja nicht die eine digitale Medizin, sondern es gibt ganz unterschiedliche Arten von digitaler Medizin, die alle unterschiedliche Risiken haben. Grundsätzlich müssen wir wachsam sein, wenn es beispielsweise um Datensicherheit geht. Ich denke da an Hackerangriffe auf Krankenhäuser – das ist ja alles schon passiert. Ein zweites Thema ist der Datenschutz: In Zeiten der digitalen Medizin brauchen wir neue Konzepte für den Datenschutz. Die herkömmlichen Formate funktionieren da nicht mehr. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass alles, was heute an digitaler Medizin passiert, auch geprüft ist. Das ist im Bereich der verschiedenen Apps zum Beispiel ein großes Problem. Gesundheits-Apps werden von vielen Menschen genutzt, ohne dass jemand überprüft hat, ob sie qualitativ den Anforderungen genügen. Ein anderes Thema ist der Bereich Künstliche Intelligenz – beispielsweise auch im Krankenhaus, in Notaufnahmen oder auf Intensivstationen, wo KI direkte Konsequenzen für die Diagnostik und Behandlung von Patienten hat. Da muss natürlich auch immer noch der gesunde ärztliche Menschenverstand eingesetzt werden, damit man merkt, wenn etwas nicht richtig passt. Das sind die wesentlichen Aspekte, die man hier berücksichtigen sollte.

Eines der Schwerpunktthemen des Kongresses ist Komorbidität/Multimorbidität – wie wird dieses Phänomen die Innere Medizin in Zukunft bestimmen und welche Chancen bietet gerade in diesem Bereich die digitale Medizin?

Vogelmeier: Zum einen ist Komorbidität/Multimorbidität das zentrale Thema der Zukunft. Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Damit gibt es auch immer ältere Menschen, die über ihre gesamte Lebenszeit auch ein Risiko für verschiedene chronische Krankheiten entwickeln werden oder schon entwickelt haben. Wir werden uns deshalb mit den Themen Multimorbidität, Polypharmazie und Priorisierung auseinandersetzen müssen. Diese ganzen Problemfelder kann man mit digitaler Medizin adressieren – zum Beispiel, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Wenn ein Patient mehrere Diagnosen hat, muss man herausarbeiten, was gerade das führende Problem ist. Dazu muss eine Reihe von Parametern berücksichtigt werden, und dabei kann die digitale Medizin helfen. Ganz banal kann digitale Medizin aber auch benutzt werden, um vor Medikamenteninteraktionen zu warnen. Darüber hinaus ist es sicher in Zukunft ganz wichtig, dass man im Zusammenhang mit so genannten Big Data-Analysen versucht, herauszuarbeiten, welche Therapiemaßnahmen bei welchen Patienten besonders gute Ergebnisse liefern – da sind wir wieder bei der Priorisierung. Das kann man potenziell angehen, indem man große Kollektive von Patienten über künstliche Intelligenz evaluiert.

Wird es beim 125. Kongress der DGIM neue Veranstaltungsformate geben? Worauf kann sich der Internisten-Nachwuchs freuen?

Vogelmeier: Wir haben das Potpourri an Veranstaltungsformaten im Wesentlichen unverändert gelassen. Wir haben die Stand-alone-Symposien wieder abgeschafft und dafür eine ganze Reihe von Hauptsitzungen definiert, weil das die Chance bietet, eben nicht nur einen Sprecher zu hören, sondern über ein bestimmtes Thema wie die digitale Medizin Ansichten, Meinungen und Informationen von verschiedenen Seiten zu bekommen. Der internistische Nachwuchs ist für uns ein ganz zentraler Punkt: Das Forum „Junge Internisten“ ist ein großer Schwerpunkt beim Kongress mit sehr vielen Veranstaltungen und zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Kongress durch. Das ist ein offenes Format mit einem eigenen Bereich, der für die jungen Internisten reserviert ist. Da reichen die Veranstaltungen von Karriereberatung über propädeutische Themen bis hin zu neuen wissenschaftlichen Daten. Und etwas, das mir persönlich wichtig ist: Am Montagabend wird es zum ersten Mal beim DGIM-Kongress einen Science-Slam geben. Dabei geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern auch darum, sich auf hohem Niveau mit wissenschaftlichen Inhalten zu unterhalten. Meine Universitätsstadt Marburg ist ja eine der Geburtsstätten von diesem Format in Deutschland – deshalb wollte ich das auf dem Kongress unbedingt haben. Wir hoffen, dass wir dadurch auch einige junge Leute gewinnen können.

Ihr Fachgebiet ist die Pneumologie. Wie zeigt sich das auf dem Kongress, zu welchem Fach gibt es die bedeutendsten interdisziplinären Zusammenhänge?

Vogelmeier: Es wird viele Sitzungen zum Thema Lunge geben. Mir war dabei besonders wichtig, das Organ Lunge nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit anderen Fächern. Grundsätzlich glaube ich, dass wir einen ganzheitlichen Ansatz brauchen, wenn wir in der Medizin weiterkommen wollen. Das gilt besonders mit Blick auf die Multimorbidität, über die wir eben schon gesprochen haben. Die Lunge ist ja ein typisches Organ, bei dem sich viele Probleme auch von anderen Organen manifestieren können. Deswegen haben wir eine Reihe von Sitzungen, bei denen genau diese Interaktionen beleuchtet werden. Da geht es zum Beispiel um „Lunge und Rheuma“ oder „Lunge und Herz“, da geht es auch um Komorbiditäten der COPD. Es ist ein Versuch, kein pulmozentrisches Weltbild zu haben, sondern sich im Konzert der Inneren Medizin wiederzufinden.

Was sind Ihre persönlichen Highlights? Warum sollte jeder Internist die Jahrestagung besuchen?

Vogelmeier: Ich freue mich sehr, dass wir mit ausgewählten Experten die Gelegenheit haben, die ganzen Aspekte der digitalen Medizin zu beleuchten. Mir macht auch ganz besonders Freude, dass wir besonders für junge Kolleginnen und Kollegen viele Veranstaltungen anbieten können. Es ist schließlich so, dass die Mehrzahl der Besucher beim DGIM-Kongress jünger ist als 35 Jahre. Dann ist es mir auch gelungen, einen Medienpreis auf den Weg zu bringen, den es bei der DGIM in diesem Jahr zum ersten Mal geben wird. Auch das ist ein Thema, das mir sehr wichtig erscheint: Wir müssen von unserem Elfenbeinturm weg. Wir müssen uns mehr mit dem Thema auseinandersetzen, wie wir unsere Botschaften transportiert bekommen. Deshalb müssen wir auch die Journalistinnen und Journalisten auszeichnen, denen es gelungen ist, medizinische Inhalte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und warum sollte jeder Internist den Kongress besuchen? Es ist ja so, dass die DGIM eine sehr lange Historie hat. Es ist jetzt der 125. Kongress. Und für mich ist auch der Blick in die Zukunft mit einem historischen Bewusstsein wichtig: Deshalb werden wir auch eine Ausstellung zu DGIM-Gründer Prof. Friedrich Theodor von Frerichs auf dem Kongress haben, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag hat. Die große Ausstellung wird dann an der Charité stattfinden. Ich glaube, das Tolle an dem Kongress ist: Er hat eine große Breite, aber auch eine enorme Tiefe. Man kann sich in jeder Richtung bewegen. Die ganze Breite wird auf einem hohen Niveau und sehr kompakt präsentiert – und noch dazu in einer schönen Umgebung.