Wenn die Leber plötzlich versagt

Wenn die Leber plötzlich versagt
Prof. Ali E. Canbay

Von der Erstdiagnose des akuten Leberversagens bis zur Transplantation: Zu Ursachen, Symptomen, Diagnose, Gefahren und Behandlung des akuten Leberversagens referiert Prof. Ali E. Canbay.

Durch die 2009 erfolgte Gründung und Etablierung der deutschen „Acute Liver Failure Study Group Germany“ (ALFSGG) wurde eine gemeinsame Basis für die Untersuchung des akuten Leberversagens (ALV) in Deutschland geschaffen. Auf Grund der hohen Variabilität müssen die am häufigsten zu Grunde liegenden Ätiologien untersucht, aber auch die Definition und Behandlung festgelegt werden.

Hohe Dunkelziffer

Ferner muss ein Bewusstsein in der gesamten Ärzteschaft in Deutschland für dieses lebensbedrohliche Krankheitsbild geschaffen werden. Aktuelle Zahlen der ALFSGG belaufen sich auf etwa 155 ALV-Fälle pro Jahr in Deutschland (1). Jedoch gehen wir von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus, da nicht alle Patienten erfasst und frühzeitig in ein Transplantationszentrum überwiesen werden. In Europa werden etwa acht Prozent aller Lebertransplantationen auf Grund von ALV durchgeführt (6374 Transplantationen von 1988 bis 2009).

Sehr unterschiedliche Ursachen können zum ALV führen. Die Häufigkeit verschiedener Ätiologien divergiert jedoch regional zum Teil stark (Abbildung 1). Pathophysiologisch beruht das ALV aber unabhängig von der Ursache auf einem rapiden, weitreichenden Zelltod der Hepatozyten, wodurch die Funktion des Organs stark vermindert wird (2).

Hierdurch kommt es dann zu Koagulopathie, Enzephalopathie und weiteren Symptomen, bis hin zum Multiorganversagen. Wenn die verbliebenen Leberzellen diesen Verlust durch Regeneration ausgleichen können, ist das ALV grundsätzlich reversibel und die Leber kann sich erholen (restitio ad integrum).

Ist die zerstörte Lebermasse jedoch zu groß oder kann die Schädigung des Gewebes nicht aufgehalten werden, bleibt die Lebertransplantation als letzte und oft einzige Therapieoption. Daher kann bei einem ALV jeder zu jederzeit und innerhalb kürzester Zeit aus voller Gesundheit eine Transplantation benötigen.
Um Betroffenen die bestmögliche individuelle Behandlung zukommen zu lassen, sollte neben der Abklärung der Ursache eine klare Abgrenzung des ALV zum „acute-on-chronic“- oder auch zum „acute-on-cirrhosis“-Leberversagen erfolgen.

Schlechtere Prognose

Die beiden letzteren sind mit einer deutlich schlechteren Prognose verbunden und können meist nur durch eine Lebertransplantion abgewendet werden (Abbildung 2). Generell müssen Patienten mit akutem Leberversagen schnellstmöglich an Zentren überwiesen werden, die eine Transplantation bei Bedarf realisieren können.

Prof. Dr. Ali E. Canbay ist Leitender Oberarzt und Stellvertretender Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsklinikum Essen. Er leitet eine Arbeitsgruppe, die unter anderem zu akutem Leberversagen forscht.

Halle 1 Sa, 26.4., 9:06 Uhr