Vom Organ- zum Systemdenken

Vom Organ- zum Systemdenken

DGIM- und Kongresspräsidentin Prof. Märker-Hermann rückt den Fokus trotz disziplinärer Einzelinteressen auf das Ganze. Erstmals steht mit Prof. Dr. Elisabeth Märker-Hermann eine Rheumatologin an der DGIM-Spitze. Die SPECTATOR-Redaktion sprach mit der Wiesbadener Internistin über die Kongressziele und ihre Erwartungen. 

SPECTATOR: Frau Prof. Märker-Hermann, Sie setzen mit dem Kongress-Leitthema den Menschen im Ganzen in den Fokus. Warum?

Märker-Hermann: Die Subspezialisierung der Inneren Medizin ist, wie wir alle wissen, notwendig geworden, um den riesigen Fortschritten in Diagnostik, Techniken und Therapie gerecht zu werden. Kein Internist kann alles können, kann noch echter Generalist sein. Dennoch ist es gerade heute wichtig, dass die Ärztin, der Arzt im individuellen Arzt-Patienten-Verhältnis den ganzen Menschen im Blick hat. Dies kann der Internist fachlich durch kontinuierliche Fortbildung in den internistischen Fächern außerhalb seines eigenen Schwerpunkts erreichen (zum Beispiel auf dem Internistenkongress!). Den Aspekt der ärztlichen Kunst in der Interaktion mit dem Patienten als „ganzem Menschen“ wird er auch in der Weiterbildung der Ärzte zum Facharzt berücksichtigen und vorleben. Schließlich ist die Betrachtung des Menschen im Ganzen, wie Sie es nennen, ein wirksames Mittel gegen den zunehmenden Vertrauensverlust vieler Patienten gegenüber den Ärzten.

SPECTATOR: Erstmals diskutiert ein DGIM-Kongress Fragen der Versorgungsforschung. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?

Märker-Hermann: Für die Innere Medizin und unser gesamtes Gesundheitssystem benötigen wir interessenneutrale Analysen und verlässliche Prognosen/Bedarfsplanungen, die die Versorgungsforschung mit ihrem wissenschaft¬lichen Ansatz leisten kann.

SPECTATOR: Skeptiker befürchten, dass die Telemedizin den behandelnden Arzt ersetzen soll?

Märker-Hermann: Klug eingesetzt, kann Telemedizin das Gegenteil bewirken: Chronisch kranke, besonders auch ältere Menschen mit Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Niereninsuffizienz, Bluthochdruck u. a., die zu Hause selbständig bleiben möchten und nicht regelmäßig zum Arzt gehen können, bleiben mithilfe telemedizinischer Systeme mit ihrem Hausarzt oder Facharzt(-Team) verbunden. Sie erfahren Sicherheit in der Langzeitbetreuung, die durch die unabdingbaren persönlichen Kontakte mit ihrem Arzt ergänzt wird.

SPECTATOR: Interaktive Falldiskussionen, das Forum „Chances“ und Awards zielen auf den Nachwuchs. Ist die Innere Medizin bei diesem Thema gut aufgestellt?

Märker-Hermann: Innere Medizin war und ist zweifelsohne eine attraktive medizinische Disziplin, die ein weites Spektrum an Betätigungsfeldern bietet: Die junge Ärztin/der junge Arzt kann sich entscheiden zwischen allgemeiner Innerer Medizin oder vielfältigen Schwerpunkten, zwischen Notfall-/Intensivmedizin oder Tätigkeiten, die mehr in der Langzeitbetreuung chronisch Kranker liegen. Spannende theoretische oder translationale Forschung an den Universitäten steht den Nachwuchswissenschaftlern ebenso offen wie klinische Versorgungsforschung. Im Vergleich mit manch anderen Disziplinen ist auch die Vereinbarung von beruflicher Weiterbildung und Familie für Frauen (und Männer!) relativ gut möglich.

SPECTATOR: Viele im Fach freuen sich, dass eine Rheumatologin die DGIM führt. Was ist Ihr Anspruch an sich und für dieses Amt?

Märker-Hermann: Rheumatologie ist eines der kleinen Schwerpunktfächer; in der 131-jährigen Geschichte der DGIM war noch nie ein Rheumatologe Vorsitzender bzw. Kongresspräsident. Schon aus diesem Grunde ist es verständlich, dass sich zahlreiche Kollegen über die Präsidentschaft einer Rheumatologin freuen. Aus der klinisch-immunologischen Forschung sind in den letzten Jahren wegweisende neue Therapien hervorgegangen. Zudem sind wir Rheumatologen dafür bekannt, dass wir interdisziplinär internistisch denken, gerne für die komplexen unklaren Fälle konsiliarisch hinzugezogen werden. Ich selbst habe mir vor einem Jahr bei meinem Amtsantritt den Anspruch formuliert, diese Qualitäten – vom Organ- zum Systemdenken – im Kongressprogramm und im vermittelnden Umgang zwischen den Einzelinteressen in einer großen Fachgesellschaft umzusetzen.

SPECTATOR: Welches Fazit würden Sie gerne nach dem Wiesbadener Kongress ziehen können?

Märker-Hermann: ... dass dieses Programm nicht nur unsere Stamm-Kongressbesucher überzeugt hat, sondern unseren zahlreichen neuen, jungen Mitgliedern nachhaltige kollegiale Begegnungen und wissenschaftliche Diskussionen beschert hat. Erfahrungen, die unseren Nachwuchs an die Innere Medizin und die DGIM binden werden.