3. Expertensymposium des Deutschen Ärzteverlags

Ungeimpfte Ärzte und medizinisches Personal: ein Risiko für alle Beteiligten

Ungeimpfte Ärzte und medizinisches Personal: ein Risiko für alle Beteiligten
Klaus Hecke

Medizinisches Personal muss seine Patienten, aber auch sich selbst schützen. Ein wichtiger Baustein ist die Impfung der Klinikmitarbeiter. Doch Angebote werden von Mitarbeitern mit Patientenkontakt häufig nicht wahrgenommen. Gründe für und Wege aus der Impfmüdigkeit des Personals im Gesundheitswesen diskutieren die Teilnehmer des diesjährigen Symposiums des Deutschen Ärzteverlags.

Gerade erst im Frühjahr gab es einen größeren Masernausbruch am Klinikum Wetzlar. Dank rascher und besonnener Sofortmaßnahmen konnte eine weitere Ausbreitung verhindert werden. „Wir können inzwischen davon ausgehen, dass innerhalb des Klinikums Wetzlar die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit Masern geringer ist als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Daher sind wir sehr zuversichtlich, dass hier keine weiteren Masernerkrankungen auftreten werden“, erklärte Dr. Norbert Köneke, Medizinischer Direktor der Lahn-Dill-Kliniken, zu denen das Klinikum Wetzlar gehört, nachdem der Ausbruch unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Dennoch waren zu diesem Zeitpunkt bereits neun Mitarbeiter erkrankt. Die klinikinterne Masernwelle hatte einen hohen Preis. „Der gesamte Betrieb wurde auf den Kopf gestellt“, sagt Köneke. Auch alle Patienten bekamen die Auswirkungen zu spüren – es durften keine Besucher mehr ins Klinikum. Insgesamt mussten zudem rund 2300 Mitarbeiter auf ihren Impfstatus gescreent werden. Es habe sich gezeigt, dass man sich nicht sicher sein könne, dass ein Mitarbeiter, der angibt, bereits als Kind an Masern erkrankt gewesen zu sein, auch immun ist.

Die personellen Engpässe wurden durch eine gleichzeitig auftretende Influenzawelle noch massiv verschärft. Mitarbeiter aus anderen Kliniken mussten aushelfen. Große logistische Probleme, die zudem hohe Kosten erzeugen. Diesmal ist ein Ausbruch durch eine schnelle und gut koordinierte Reaktion relativ gut zu Ende gegangen. Ein ähnliches Szenario könnte aber auch einen deutlich dramatischeren Verlauf nehmen.

Köneke wird auf dem Expertensymposium von den Erfahrungen berichten, die er in dieser Zeit gemacht hat. Und wie verhindert werden konnte, dass sich mehr Menschen mit Masern infizieren.

Die Impflücken in den Reihen des medizinischen Personals sind zu groß. Exemplarisch für die Problematik steht dabei Immunisierung gegen die saisonale Influenza, die jährlich durchgeführt werden muss. In einer repräsentativen Telefonbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit 4483 Teilnehmern aus dem Jahr 2012 schätzte nur 43 Prozent des medizinischen Personals die jährliche Grippeimpfung als „besonders wichtig“ beziehungsweise „wichtig“ ein – und damit weniger als in der Gesamtbevölkerung (47 Prozent). Diese Ergebnisse spiegeln sich immer wieder in neuen Untersuchungen wieder, zuletzt in einer Online-Befragung des Robert Koch-Instituts (RKI) an zwei Universitätskliniken in Ost-Deutschland.

Gefragt wurde nach dem Impfschutz in der aktuellen Influenza-Saison und nach Einstellungen der Mitarbeiter zur Grippeimpfung. Nur etwa 56 Prozent des ärztlichen Personals und nur knapp 35 Prozent des Pflegepersonals hatten den Grippeschutz. Mitarbeiter in der Pflege mit häufigem Patientenkontakt waren dabei sogar seltener geimpft als Personal in der Verwaltung (36 Prozent), in der Technik (44 Prozent) oder im Labor (45 Prozent), das nur gelegentlichem Kontakt zu Kranken hat. Je jünger die Mitarbeiter waren, desto geringer waren die Impfraten. Während es 48 Prozent bei den 45- bis 54-Jährigen waren, waren es nur 25 Prozent bei den 18- bis 24-Jährigen.

Die Gründe für den fehlenden Schutz ergaben sich häufig aus falschen Vorstellungen und Vorurteilen. Fast jeder fünfte gab an, wegen eines guten Immunsystems ein geringes Influenza-Risiko zu haben. Ebenso viele befürchteten, dass die Impfung selbst eine Grippe auslösen könne. 10 Prozent hielten die Impfung für unwirksam und jeder zwanzigste gab an, generell gegen Impfungen zu sein.

Dabei gibt es Unterschiede unter den Berufsgruppen. Bei Ärzten wurden organisatorische Gründe wie „Ich  habe  es  vergessen/zu  spät  daran  gedacht“ und  „keine  Zeit  zu  den  angebotenen  Terminen“ am meisten genannt. Beim Pflegepersonal hingegen stand die Angst vor Nebenwirkungen im Vordergrund und der Glaube, dass es unwahrscheinlich sei, „dass ich Grippe bekomme, weil ich ein gutes Immunsystem habe“.

Zwar sollte sich medizinischer Personal impfen lassen, um sich selbst zu schützen. Genauso wichtig ist aber auch der Schutz der Patienten, die sie betreuen. Und genau da liegt vielleicht ein Ansatzpunkt um die Impfbereitschaft zu erhöhen. „In unserer neuesten Studie konnten wir zeigen, dass sich die Impfbereitschaft erhöht, wenn Menschen über den ¬Effekt der Herdenimmunität aufgeklärt werden, also die Tatsache, dass es die Schwächsten einer Gesellschaft schützt, wenn sich viele Menschen impfen lassen“, erklärt Podiumsteilnehmerin Dr. phil. Cornelia Betsch. „Diese Aufklärung führte dazu, dass die Testpersonen auch an andere dachten, wenn sie entscheiden sollten, ob sie eine bestimmte Impfung durchführen lassen.“ 

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