Translationsforschung benötigt Industriebeteiligung

Translationsforschung benötigt Industriebeteiligung
Univ.-Prof. Michael P. Manns

Das Motto, das DGIM-Präsident Univ.-Prof. Dr. Michael P. Manns für „seinen“ Kongress gewählt hat, bedeutet einen ambitionierten Brückenschlag: „Forschung wird zur Medizin“. Wir sprachen im Vorfeld mit dem Präsidenten.

Herr Prof. Manns, warum haben Sie als Motto des 120. DGIM-Kongresses „Forschung wird zu Medizin“ gewählt? Was können die Teilnehmer in Wiesbaden erwarten?

Prof. Manns: Die deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, sie ist eine der größten und ältesten wissenschaftlichen Fachgesellschaften unseres Landes. Der DGIM-Kongress selbst versteht sich als fortgeschriebenes Handbuch der Inneren Medizin, der einmal im Jahr den Teilnehmern die Möglichkeit bietet, sich auf allen Gebieten der Inneren Medizin fortzubilden. Das Programm soll für niedergelassene Internisten aller Schwerpunkte, im Krankenhaus tätige Internisten, Oberärzte und Chefärzte, aber auch für die Assistenten in Weiterbildung und selbst für Studenten attraktiv sein.

Dabei wollen wir die besonders aktuellen Entwicklungen herausstellen und vor allem konkrete Ergebnisse aus der Forschung mit direkter Konsequenz für den Praxis- und Klinikalltag vermitteln. Ein Beispiel sind neue Medikamente in der Inneren Medizin. Hierzu gibt es ein spezielles Symposium, auch das Kongressheft der Zeitschrift „DER INTERNIST“, Organ unserer Gesellschaft, ist diesem Thema gewidmet.

Sie sprechen im Vorfeld vom „Credo Kooperation“. Dabei spielt auch die Industrie eine Rolle. Welche genau ist das?

Prof. Manns: Zum Thema Kooperation hat sich die DGIM mit der Rolle der akademischen Medizin für Innovationen in der Arzneimittelentwicklung und Biomedizintechnik auseinandergesetzt. Dabei spielt die akademische Medizin eine große Rolle bei der Aufschlüsselung pathogenetischer Zusammenhänge und der Identifizierung neuer therapeutischer Targets. Andererseits ist die akademische Medizin maßgeblich beteiligt an der klinischen Entwicklung von Medikamenten, nicht zuletzt durch Kooperationen bei der Durchführung klinischer Studien unter Einschluss der Behandlung von Patienten im Rahmen der zulassungsrelevanten Phase 1 bis 3 Studien.

Dabei gilt es einerseits die Unabhängigkeit der akademischen Medizin zu wahren, andererseits eine Vollkostenfinanzierung für die Universitätsmedizin zu gewährleisten. Dieses fordert nicht zuletzt das europäische Recht. Darüber hinaus müssen Interessenkonflikte offengelegt und beachtet werden; u.a. ist die Universitätsmedizin sowohl Partner in der klinischen Forschung als auch Kunde sowohl der pharmazeutischen Industrie als auch der Biomedizintechnik.

Für hoch relevante Krankheitsbilder stehen wohl ganz bald wirksamere Medikamente vor der Tür. Welche davon würden Sie hervorheben wollen?

Prof. Manns: Im Kongressheft DER INTERNIST, April 2014, haben wir einige Beispiele für innovative Medikamente herausgegriffen, die im Jahre 2014 zur Zulassung gelangt sind oder kurz vor der Zulassung stehen. Dies sind einmal die neuen direkt antiviralen Medikamente gegen Hepatitis C. Vertreter von drei verschiedenen Substanzklassen, gerichtet gegen drei verschiedene Schlüsselstellen im Lebenszyklus des Virus, kamen oder kommen im Jahr 2014 zur Zulassung. Dies wird die Therapie der Hepatitis C revolutionieren.

In der Onkologie steht die individualisierte Krebsmedizin im Fokus aktueller Innovationen. Molekular definierte Patientensubgruppen werden einer individualisierten Therapie zugeführt. Darüber hinaus haben die Biologika einen Siegeszug in verschiedenen Bereichen der Inneren Medizin angetreten, so z. B. bei chronisch entzündlichen Erkrankungen. So stellen wir exemplarisch die Innovationen aus dem Spektrum der Biologika bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und rheumatologischen Erkrankungen vor, die teilweise in identische Signalwege chronischer Entzündungsprozesse eingreifen. Beispiele sind die TNF-Antikörper bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und in der Rheumatologie sowie die Integrin Antikörper.

Schließlich sind in der Kardiologie neue Antikoagulantien verfügbar, die einerseits die Gerinnungshemmung verbessern und somit das medikamentöse Therapiespektrum in der Kardiologie erweitern, andererseits aber – durch ein erhöhtes Blutungsrisiko – andere Fachbereiche wie die Gastroenterologie zunehmend einbeziehen.

Drei Plenarvorträge befassen sich mit den Themen Adipositas, personalisierte Onkologie und Altersforschung. Warum haben Sie diese Themen gewählt?

Prof. Manns: Dieses sind drei große Herausforderungen nicht nur für die Innere Medizin, sondern für nahezu alle Gesellschaften der sogenannten entwickelten Welt. Der demographische Wandel mit einem beeindruckenden Anstieg der Lebenserwartung von z. Zt. um die 70 Tage pro Jahr wird die Medizin, und nicht zuletzt die Innere Medizin, vor ganz neue Herausforderungen stellen. Bald werden zumindest in bestimmten Regionen über 40 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Eine indirekte Folge des Anstiegs der Lebenserwartung ist eine weitere Ausbreitung der Krebserkrankungen. Auch interventionelle Therapien werden in immer höheres Alter verlagert.

Während in den vergangenen Jahrzehnten die Sterblichkeit durch kardiovaskuläre Erkrankungen u.a. durch die verbesserte Therapie der koronaren Herzkrankheit, aber auch anderer vaskulärer Erkrankungen wie des Schlaganfalls, deutlich verbessert werden konnte, ist dies in zahlreichen Gebieten der Onkologie nicht der Fall, zumal mit ansteigendem Alter auch die Inzidenz von Tumorerkrankungen ansteigt. Innovative Therapien in der Onkologie sind sehr teuer und oft mit signifikanten Nebenwirkungen belastet. Daher ist es mehr denn je eine Herausforderung, gezielte Therapien für definierte und gut ausgewählte Patientengruppen zu entwickeln.

Das Übergewicht hat die westliche Welt aber inzwischen auch viele Schwellenländer wie eine Seuche erfasst. 90 Prozent der Kinder mit Übergewicht werden dieses Problem lebenslang beibehalten. Als Folge der Adipositas sind nicht nur die gehäufte Inzidenz des Diabetes und chronischer Gelenkserkrankungen zu beklagen, auch das Tumorrisiko steigt signifikant an. Nur eine konsequente Ernährungs- und Bewegungstherapie wird hier Abhilfe schaffen. Gerade die Adipositastherapie und -prophylaxe erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen. Adipositaschirurgie ohne begleitende Änderung des Lebensstils und der Ernährungsgewohnheiten ist nicht zielführend.