Gefahren der Multimedikation bei alten Patienten vermeiden

Therapieindividualisierung

Therapieindividualisierung
©Schunk

Das Thema ist weder neu noch ohne Brisanz. Und doch befasst sich die Wissenschaft nur wenig damit – entsprechend wenig Aufklärung landet am Ende beim Behandler. Die Multimedikation bei alten Patienten führt nach wie vor ein Schattendasein.

Prof. Dr. Michael Denkinger, Geriater aus Ulm, stellte seine Untersuchungen über Studienergebnisse und angebotene Interaktionslisten zum Thema vor. Generell, betonte Denkinger, sei es perspektivisch ohne Computerunterstützung kaum noch möglich, relevante Interaktionen von Wirkstoffen zu überblicken und die richtigen Therapie- und Dosierungsfestlegungen zu treffen.

Denkinger empfahl unter den listenbasierten Ansätzen solche mit Patient-in-Focus Listing Approaches (PILA) als besonders aussagekräftig. Die Schweizer MediQ-Datenbank zeige die meisten Interaktionen von Medikamenten, zu empfehlen sei ebenso die AiDKlinik. Allerdings verwies Denkinger darauf, dass viele solche Datenbanken „over-alerting“ seien, also sehr frühzeitig alarmierten. Zur Verwendung empfahl er MedStopper.

Keine evidenzbasierten Leitlinien für Alte

„Es fehlt an evidenzbasierten Leitlinien für ältere Patienten. Daher ist die Therapieindividualisierung zwingend notwendig!“ Mit klaren Worten eröffnete Prof. Dr. Martin Wehling (Foto), Gerontologe aus Mannheim, seinen Vortrag in der Session über Multimedikation bei alten Patienten. In der Alterstauglichkeit sei die Arzneimitteltherapie die am häufigsten einschränkende. So sorgten etwa alle Blutdrucksenker und Psychopharmaka für einen erheblichen Kognitionsverlust. Daher sei gerade in der amerikanischen Wissenschaftsliteratur der „Drug-induced Dementia“ weit verbreitet: „Medikamentöse Ursachen gehen häufig auch mit einer Bewusstseinsstörung bis zum Delir einher, die nicht zur Demenzdefinition gehört.“ Und die Liste der im Alter ungünstigen, delirogen wirkenden Arzneimittel sei lang. Sie reiche von Amitriptyline bis Reserpine.

Wehling empfahl die im Februar 2019 überarbeitet veröffentlichte FORTA2018-Liste, die auch als App verfügbar sei. Sie erlaube durch eine quantitative Bewertung die Priorisierung über Therapiebereiche hinweg, um komplexe Arzneitherapien zu optimieren.

Ebenfalls eine FORTA-Empfehlung sprach Prof. Dr. Roland Hardt, Geriater aus Mainz, aus, der sich dem Thema Untermedikation widmete. Er riet dazu, nicht nur nach Negativlisten die Medikation zusammenzustellen, sondern detailliert anhand von Diagnosen nach der vorhandenen Evidenz zu suchen. Insbesondere im Bereich von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei etwa die entsprechende Arzneimitteltherapie hoch effektiv. So zeige eine US-Studie zur Antikoagula‧tion, dass 84 Prozent der Patienten ohne eine leitliniengerechte Therapie waren. Es sei nicht nachvollziehbar und dokumentiert gewesen, warum bei ihnen keine Antikoagulation stattfand. Hardt: „In diesem Fall kann man getrost von einem pharmakologischen Altersrassismus sprechen.“