Standardisierte Anamnese zeigt Gefahrenpotenzial

Standardisierte Anamnese zeigt Gefahrenpotenzial

Prof. Treichel über die potenziellen Interaktionen zwischen Alkohol und Medikamenten.Die Existenz von potenziellen Interaktionen zwischen Alkohol und Medikamenten gehört zum medizinischen Allgemeinwissen – dennoch steigen hieraus resultierende Morbidität und Mortalität.

 

 

Alkohol-Arzneimittel-Interaktionen betreffen sowohl verschreibungspflichtige als auch „Over-the-Counter“-Präparate.

Schwerwiegende Fälle, die zur Hospitalisation oder zum Tod führen, verbergen sich weitgehend hinter Fällen mit Hypoglykämie, Leber- und Nierenversagen oder Kreislaufversagen, haben also aktuell eine nicht einmal abschätzbare Prävalenz. Zweifelsohne ist der schädliche Gebrauch von Alkohol die häufigste Einzeldiagnose, die zur Krankenhausaufnahme führt. Daher wird die Anzahl von schwerwiegenden Interaktionen ebenfalls sehr hoch sein.

Einfluss interindividueller Unterschiede der Patienten

Die Interaktionen zwischen Alkohol und einem oder mehreren Medikamenten sind nicht zwangsläufig dosisabhängig. Einige Medikamente enthalten selbst signifikante Alkoholmengen. Interindividuelle Unterschiede der Patienten sowohl hinsichtlich des Alkoholmetabolismus als auch der Metabolisierung und Pharmakogenetik sowie des individuellen Organzustands können einen erheblichen Einfluss auf die Dosis-Wirkung-Beziehung haben.

Zudem ist die polypharmazeutische Therapie von Patienten oft unübersichtlich. Gefährlich sind auch sehr variable Wahrnehmungen von Patient und Arzt bezüglich der Definition des Alkoholkonsums.

Pathophysiologisch können Interaktionen eine veränderte Resorption, verstärkte oder abgeschwächte Metabolisierung, Enzyminduktion sowie Enzyminhibition oder alterierte Rezeptor-Ligand-Wirkungen betreffen (s. Abbildung).

Standardisierte Anamnese zeigt Gefahrenpotenzial

Ein etabliertes Warnsystem der potenziellen Interaktionen ist für Ärzte die Fachinformation eines Medikaments unter Punkt 4.5. Für Patienten sind gelegentlich Warnhinweise auf den Packungsbeilagen enthalten. Die Wirksamkeit derartiger Warnsysteme ist unklar. Eine regelmäßige und standardisierte Medikamenten- und Alkoholanamnese erleichtert die Einschätzung des Gefahrenpotenzials. Subtile Hinweise – beispielsweise pathologische Leberfunktionsparameter oder Blutbildveränderungen – sind preiswert und sollten obligat bewertet werden.

Bekannte Interaktionen sollten konkret angesprochen werden, mindestens bei der Therapie von Volkskrankheiten: Hier zu nennen sind beispielsweise die Metformingabe beim Diabetes mellitus und die Risiken der Bluthochdrucktherapie oder der oralen Antikoagulation. Auch medizinische Leitlinien, die pharmakologische Therapien empfehlen, sollten Hinweise zu potenziellen Interaktionen von Alkohol und Medikamenten enthalten. Zuletzt sollten zukünftig sowohl aus medizinischen als auch ökonomischen Gründen systematische, unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen zur Prävalenz, Pathophysiologie und Vermeidung derartiger Interaktionen durchgeführt werden.