Spagat zwischen Patientenwohl und Kostendruck

Spagat zwischen Patientenwohl und Kostendruck
Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch

Anforderungen und Chancen im Spannungsfeld Medizin- und Klinikmanagement beleuchtet die Studie „Ärzte-Manager 2013“. Sie wurde unter Leitung von DGIM-Generalsekretär Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch und Diplom-Kaufmann Thomas Kapitza durchgeführt.

Die zunehmende Durchdringung des Gesundheitswesens mit betriebswirtschaftlichen Denkmustern und Management-Paradigmen betrifft in hohem Maße auch die Innere Medizin.

Traditionell fällt die finanzielle Verantwortung für ein Krankenhaus oder eine Klinik nicht in den expliziten Verantwortungsbereich Ärztlicher Führungskräfte (ÄFK). So ist eine betriebswirtschaftlich-kaufmännische Ausbildung von Ärzten bisher auch nicht Gegenstand medizinischer Ausbildungscurricula. Doch aufgrund des Kostendrucks im Gesundheitswesen sehen ÄFK sich zunehmend mit ambitionierten Leistungs-, Budget- und Umsatzvorgaben der kaufmännischen Geschäftsleitungen (GL) konfrontiert. Diese Entwicklung ist eine besondere Herausforderung, weil sie die ärztliche Kernkompetenz der diagnostisch-therapeutischen Patientenversorgung und der medizinisch-wissenschaftlichen Arbeit um neue Themenfelder und Anforderungen erweitert. Diese setzen Mediziner einem täglichen Spagat zwischen ihrer Verpflichtung zum Patientenwohl – gemäß ihrem ärztlichen Auftrag – und der Einhaltung strikter betriebswirtschaftlicher Vorgaben zur Kostendämpfung aus.

627 Studienteilnehmer

Für die Studie wurden im September 2013 aus den Reihen der DGIM-Mitglieder 3435 ärztliche Führungskräfte erster und zweiter Ordnung – Ordinarien, Chefärzte und Oberärzte – online befragt. Mit 627 Rückläufern betrug die Teilnehmerquote 18,3 Prozent. Die mit 144 ausgefüllten Fragebögen am stärksten repräsentierten Einrichtungen waren Fachabteilungen und Kliniken für Innere Medizin und Gastroenterologie, mit 100 beziehungsweise 93 Rückmeldungen folgten Kliniken für Allgemeine Innere Medizin und Kardiologie.

Die Ergebnisse zeigen, dass fast 75 Prozent aller ÄFK ehrgeizige betriebswirtschaftliche Leistungsvorgaben von der GL haben, deren Umsetzung erhebliche Anstrengungen notwendig macht.

Bei 38 Prozent von ihnen sind entsprechend auch Erfolgsbeteiligungen als Vergütungskomponenten im Arbeitsvertrag enthalten. Dabei machen die Erfolgsbeteiligungen bei den meisten – 77 Prozent – bis zu zehn Prozent der Grundvergütung aus und reichen bis zu mehr als 20 Prozent des Grundeinkommens bei zehn Prozent der ÄFK mit variablem Vergütungsbestandteil. Die Kriterien für „Erfolg“ sind bei drei Viertenl aller ÄFK ausschließlich oder überwiegend betriebswirtschaftlich geprägt. Die Betroffenen schätzen die Erfolgsbeteiligungen zum großen Teil negativ ein. Besonders fürchten die ÄFK eine Beeinflussung ihres ärztlichen Entscheidungsverhaltens, eine Beeinträchtigung der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen im Krankenhaus und eine Veränderung des ärztlichen Selbstverständnisses. So nehmen 70 Prozent der ÄFK den variablen Vergütungsbestandteil auch nicht als Signal einer Wertschätzung durch ihren Arbeitgeber wahr, im Gegenteil: Knapp 65 Prozent legen keinen Wert auf diesen Einkommensbestandteil.

Unterstützung unzureichend

Die meisten Befragten fühlen sich bei der betriebswirtschaftlichen Zielerreichung – unabhängig von einer Erfolgsbeteiligung – von der GL nicht ausreichend unterstützt. 71,5 Prozent sind der Meinung, dass sie dafür keine beziehungsweise nicht ausreichend Steuerungsmöglichkeiten haben. Dass knapp 71 Prozent der ÄFK ein monatliches Reporting für ihre Fachabteilung beziehungsweise ihren Leistungsbereich erhielten, reiche als Unterstützung nicht aus. Ein Problem scheint hier ein Mangel an effizient einsetzbaren betriebswirtschaftlichen Managementinstrumenten zu sein: Knapp 60 Prozent der Befragten geben an, nur selten oder nie entsprechende Instrumente zur Verfügung zu haben. Etwa 52 Prozent der ÄFK bekommen von der GL auch keine Vorschläge zur Veränderung ihres medizinischen Leistungangebots.

Zudem konstatieren über 60 Prozent der Befragten eine unzureichende Beteiligung an Entscheidungen der GL und deren Umsetzung. Damit sind nicht nur betriebswirtschaft‧liche Aspekte gemeint: Auch der fachliche Input der ÄFK sei bei der GL zu wenig gefragt, bei etwa 45 Prozent der ÄFK berücksichtige ihn die GL nicht ausreichend. Diese Aussagen deuten insgesamt auf eine unbefriedigende Integration des Fachwissens und der Managementkompetenz von ÄFK in den gesamtbetrieblichen Steuerungsprozess hin. Auf der anderen Seite zeigt dies auch, dass von der GL wertvolles Wissenspotenzial der ÄFK nicht genutzt wird. Und das vor dem Hintergrund, dass im Krankenhaus tätige Betriebswirte bisher selten fundierte Einsicht in medizinische Sachverhalte haben. Über 96 Prozent der Befragten sind deshalb der Meinung, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen kaufmännischen und medizinischen Führungskräften an Bedeutung für den Gesamterfolg von Krankenhäusern und Kliniken gewinnen wird. Knapp 90 Prozent sehen dies auch als Herausforderung für ihre Berufsgruppe, nämlich das Managementpotenzial von ÄFK zukünftig verstärkt in die Unternehmenssteuerung von Krankenhäusern und Kliniken einzubringen.

Die vorliegende Studie zeigt, dass die Managementschnittstelle zwischen den ÄFK und kaufmännischen Führungskräften aus Sicht der Ärzte zahlreiche Herausforderungen aufweist. In der Zusammenarbeit zwischen GL und ÄFK gibt es demzufolge erhebliches Nachbesserungspotenzial. Dieses reicht von einer planmäßigen Einbeziehung von ÄFK in strategische Entscheidungen bis hin zu einer besseren Unterstützung bei der Erreichung betriebswirtschaftlicher Vorgaben. Zudem zeigt sie, dass im Gegensatz zu aktuellen gesundheitspolitischen Diskussionen Erfolgsbeteiligungen von ÄFK kritisch gesehen werden. Die Untersuchung weist aber auch nach, dass Voraussetzung für mehr Einfluss und Erfolg von ÄFK neben der medizinischen eine betriebswirtschaftliche Ausbildung ist.

Ungelöste Problematik

Ungelöst bleibt das Problem, dass 89,5 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass die „Ökonomisierung“ des Gesundheitswesens, definiert als Bedeutung wirtschaftlicher Aspekte in der klinischen Gesundheitsversorgung, negative Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis hat. Es drohe eine Welt, die Pflege und Medizin nur als veräußerbares Produkt und Handelsware verstehe, fasst Studienleiter Fölsch zusammen.

Auf der Basis dieser empirischen Ergebnisse möchte sich die DGIM in die weitere Ausgestaltung des Gesundheitswesens kostruktiv einbringen.(SC)

Interessierte können an der Mittagspressekonferenz der DGIM am 29. April, 10:30 bis 11:30 Uhr, im Saal 12D teilnehmen.