Prof. Stefan Reuter: Therapieoptionen bei Harnwegsinfektionen

Signifikante Rolle im Antibiotikaverbrauch

Signifikante Rolle im Antibiotikaverbrauch
Interaktives Element: Während der Sitzung ließ Reuter die Teilnehmer mit Karten über Wissensfragen und Therapieoptionen abstimmen. Schunk

Im Symposium zu Antibiotikatherapien stellte Prof. Dr. Stefan Reuter vom Klinikum Leverkusen Neues aus der Therapie der Harnwegsinfektionen vor.

Zunächst empfahl Reuter, nicht mehr von „asymptomatischer“ Harnwegsinfektion (HWI), sondern eher von unkomplizierter HWI zu sprechen: Zu oft komme es zu keiner weiteren Diagnostik und keiner weiteren Therapieindikation. Die unkomplizierte Form trete häufig bei prämenopausalen Frauen, Schwangeren, postmenopausalen Frauen und jungen Männern – alle ohne Begleiterkrankungen – sowie bei Diabetes mellitus mit stabiler Stoffwechsellage auf.

Unterschieden werden muss in untere und obere HWI

Die komplizierte Form dagegen zeige sich bei angeborenen und erworbenen anatomischen Veränderungen, bei funktionellen Veränderungen und bei Störungen der Immunität (erworben oder angeboren). Zu unterscheiden sei auch in obere und untere HWI – mit unterschiedlichen Schmerzbildern und Symptomen. Bei der oberen HWI (Pyelonephritis) treten Schmerzen in der Flanke, im Abdomen und an den Rippen auf, parallel klagen die Patienten über Kopfschmerzen und Bewusstseinstrübungen. Bei der unteren HWI (Zystitis) treten Dysurie, Pollakisurie, Nykturie sowie suprapubischer Schmerz und bei Frauen Hämaturie auf.

Antibiotikatherapie so früh wie möglich beginnen

Bei der akuten unkomplizierten Pyelonephritis soll eine wirksame Antibiotikatherapie so früh wie möglich beginnen, da im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass mögliche, wenn auch nicht häufige Nierenschädigungen durch die Zeitdauer, die Schwere und die Häufigkeit solcher Infektionen begünstigt werden.

Antibiotika sollten restriktiv eingesetzt werden, zur Vermeidung von Kollateralschäden und zur Minimierung der Resistenzentwicklung. Mittel der ersten Wahl bei unkomplizierten unteren HWI seien Fosfomycin, Nitrofurantoin, Nitroxolin und Pivmecillinam. Enterokokken im Urin sollen in aller Regel nicht behandelt werden.

Reuter ließ das Auditorium zudem mit farbigen Karten über verschiedene Therapieoptionen oder andere Wissensfragen abstimmen. Deutlich „daneben“ lagen die Zuhörer bei der Ausschlussfrage, welche Maßnahme bei rezidivierender HWI wirksam sei: Vermeidung kalter Füße oder Abwischtechnik nach Stuhlgang von vorn nach hinten oder Intimsprays und Bidetspülungen. Die Vermeidung kalter Füße sei die richtige Antwort, so Reuter. Doch die Erklärung dahinter sei selbst ihm ein Rätsel. Ebenfalls wirksam seien die Vermeidung von Restharn sowie die Immunstimulation mit Zellwandbestandteilen von E. coli. Nicht wirksam seien dagegen Laktobazillen vaginal. Ebenfalls wirksam: eine antibiotische Langzeitprophylaxe und Meerrettichwurzelextrakt und Kapuzinerkressekraut.

HWI, so Reuter zusammenfassend, spielten eine signifikante Rolle im Antibiotikagesamtverbrauch – bei steigender Antibiotikaresistenz. Wichtige Therapieprinzipien seien: der Fokus auf Kollateralschäden, eine strenge Indikationsstellung, eine kurze Therapiedauer, das Ausschöpfen prophylaktischer Maßnahmen sowie die Feststellungen, dass eine unkomplizierte Zystitis sich spontan in zwei von drei Fällen bessere und eine asymptomatische Bakteriurie nicht antibiotisch behandelt werden solle.