Sichere Diagnostik in der klinischen Praxis

Sichere Diagnostik in der klinischen Praxis
Prof. Dr. Jan Hastka

Unter einer Leukozytose versteht man die Erhöhung der weißen Blutkörperchen (WBC) über die Norm. Prof. Dr. Jan Hastka erklärt, wann eine Leukozytose vorherrscht und wann eine Überweisung zum Spezialisten erfolgen sollte.

Die Norm beträgt bei Erwachsenen 4.000 bis 11.000/µl. Bei Kindern liegen die Normwerte höher, bei Neugeborenen sogar bei 9.000 bis 34.000/µl. Die Aufgabe der Leukozyten ist es, den Körper bei pathologischen Vorgängen zu schützen. Dies geschieht bei den Granulozyten unspezifisch mit angeborenen Fähigkeiten, während die Lymphozyten ihre spezifischen Fähigkeiten erst erwerben müssen.

Eine Leukozytose kann nur in Kenntnis des Differenzialblutbildes interpretiert werden. Sie ist jedoch meist bedingt durch den Anstieg der neutrophilen Granulozyten. Eine Leukozytose ist immer ein Alarmzeichen. Dennoch sind Werte bis 15.000/µl häufig „ungefährlich“, indem sie durch körperliche Belastung, Medikamente, Rauchen, Adipositas und sogar als Verdauungsleukozytose nach dem Essen erreicht werden können.

Hinweis auf Malignität

Zellzahlen von mehr als 20 000/µl sind nach Ausschluß einer akuten Entzündung immer verdächtig und weisen auf eine maligne Grunderkrankung hin. Dabei kann es sich um eine Zytokin-getriggerteleukämoide Reaktion bei soliden Tumoren und insbesondere bei multiplem Myelom handeln. Man muß jedoch auch an eine myeloproliferative Neoplasie (MPN) – in erster Linie eine chronische myeloische Leukämie – denken. Ist bei einem Erwachsenen die Leukozytose durch Monozyten, basophile Granulozyten oder Lymphozyten bedingt, so muß man von einer hämatologischen Neoplasie ausgehen. Diese ist bei Nachweis von Blasten praktisch bewiesen.

Diagnostik

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen für die hausärztliche Praxis: Bei WBC <15.000/µl: weitere Abklärung; WBC 15.000 bis 20.000/µl: Graubereich; WBC >20000/µl: Ein-/Überweisung. Als diagnostische Mindestmaßnahme muß neben der Anamnese ein Differentialblutbild angefertigt werden. Hierbei wäre die Ermittlung der Entzündungswerte Blutkörperchensenungsgeschwindigkeit (BKS) und C-reaktives Protein (CRP) wünschenswert. Bei Nachweis von Blasten sollte der Patient/die Patientin eingewiesen bzw. zum Spezialisten überwiesen werden.
Eine Neutrophilie mit leichter Linksverschiebung kann zunächst reaktiv gedeutet werden, jedoch sollte eione Kontrolle in vier bis sechs Wochen erfolgen. Pathologische Linksverschiebung, Basophilie, Splenomegalie, B-Symptomatik und leere Anamnese sprechen für eine MPN.

Überweisung

Weitere Abklärung ist für eine Praxis zu teuer. Eine wesentliche Lymphozytose kann nur bei Kindern reaktivbedingt sein. Bei Erwachsenen liegt praktisch immer eine lymphatische B-Zell-Neoplasie vor, meist eine chronische lymphatische Leukämie (CLL). Zur Diagnosesicherung sollte eine Durchflußzytometrie (FACS) des peripheren Blutes erfolgen: daraufhin die Ein-, beziehungsweise Überweisung.
Bei Eosinophilie empfielt sich zunächst eine klassische Abklärung, dann sollte der Mediziner auch an eine MPN denken, insbesondere an systemische Mastozytose und chronische Eosinophilenleukämie. Hierfür erfolgt eine Ein-/Überweisung.

Prof. Dr. Jan Hastka arbeitet seit 1990 als Oberarzt in der III. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim. Seit 1998 ist er Mitglied der Expertengruppe „Immuntypisierung“ im Rahmen des Netzwerks „Akute und chronische Leukämien“.

Saal 6/1 Sa, 26.10., 8:44 Uhr