Schokolade als Droge

Schokolade als Droge
Dr. Britta Wilms präsentierte die Studien

Dr. Wilms über die Rolle der Süßperzeption – Hirnregionveränderung im Bereich des Belohnungssystems nachgewiesen. In der Pathogenese der Adipositas tritt eine zu hohe Energieaufnahme als ein Zeichen einer gestörten ho-möo¬statischen Regulation des Essverhaltens auf. Untersu¬chun¬gen dazu stellte Dr. oec. troph. Britta Wilms in Wiesbaden vor.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interdisziplinären Adipositaszentrum des Kantonsspitals St. Gallen stellte klar, dass bei Patienten mit Adipositas diese ho¬möo¬statische Regulation, die im Wesentlichen im Hypothalamus und im Hirnstamm stattfindet, zumindest teilweise gestört zu sein scheint.

Hedonischer Hunger

Neben homöostatischen Regelkreisen wird die Nahrungsaufnahme allerdings auch durch weitere Mechanismen beeinflusst, erläuterte Wilms. Patienten mit Adipositas berichten häufig, dass sie nicht aufgrund von Hungergefühlen essen, sondern einen starken Drang verspüren, wohlschmeckende und i. d. R. kalorienreiche Lebensmittel und Speisen zu verzehren. Dieses Phänomen wird auch als hedonischer Hunger bezeichnet. Aktuelle Daten zeigen entsprechend einen vermehrt ausgeprägten hedoni¬schen Hunger bei Personen mit extremer Adipositas im Vergleich zu normalgewichtigen Personen. Interessanterweise konnte bei ehemals extrem adipösen Patienten, die nach einer Magenbypass-Operation deutlich an Gewicht abgenommen hatten, dieser gesteigerte hedonische Hunger nicht mehr festgestellt werden. Dies zeigt, dass sich durch eine Manipulation am Magen-Darm-Trakt der hedonische Hunger reduzieren lässt.

Ein hoher Konsum an süßen Lebensmitteln und Getränken ist meist durch dessen angenehmen Geschmack zu begründen und wird häufig auch mit einer Art „Abhängigkeit“ oder Suchtverhalten in Verbindung gebracht. Das „Abhängigkeitspotenzial“ von Zucker bzw. Süßgeschmack untersuchten Lenoir et al. (2007) in einer eleganten tierexperimentellen Arbeit.

Die Autoren konnten eindrucksvoll zeigen, dass Ratten den Süßgeschmack einer Saccharin-Wasser-Lösung sogar gegenüber Kokain bevorzugten. Folglich stellte die Süßperzeption offensichtlich einen größeren „Belohnungswert“ als Kokain dar, dies sogar auch bei zuvor kokainabhängig gemachten Ratten.

In einer experimentellen Arbeit wurde die Bedeutung der Süßwahrnehmung für die nachfolgende spontane Nahrungsaufnahme bei gesunden Menschen untersucht. Bei normalgewichtigen Männern führt die Perzeption von süßem Geschmack während eines flüssigen „Preloads“ (gesüßtes Getränk) zu einer reduzierten Nahrungsaufnahme an einem nachfolgend offerierten Frühstücksbüffet im Vergleich zu einem Preload mit gleichem Kalorien- und Kohlenhydratgehalt, aber ohne Süßgeschmack.

Süßgeschmackresistenz

Interessanterweise konnte bei adipösen Männern dieser Effekt des Süßgeschmacks nicht nachgewiesen werden, so dass möglicherweise eine gewisse zentralnervöse „Süßgeschmacsresistenz“ bei Adipositas besteht (Schultes et al., nicht veröffentlichte Daten). Passend hierzu konnten in den vergangenen Jahren einige funktionelle Magnetresonanztomografie(fMRI)-Untersuchungen funktionelle Veränderungen in Hirnregionen des sogenannten Belohnungssystems bei adipösen Personen im Vergleich zu normalgewichtigen nachweisen.

Neues Pathogenese-Verständnis

Die wachsenden Erkenntnisse über die Bedeutung und die Regulation hedonischer Essmotive wie beispielsweise die Perzeption von Süßgeschmack bieten ein neues Verständnis der Pathogenese der Adipositas, das hoffentlich auch zu neuen Therapieansätzen führen wird.