Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger im Interview

Realistisch umsetzbare Veränderungen erreichen

Realistisch umsetzbare Veränderungen erreichen
DGIM-Präsidentin Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger
Foto: Claus Schunk

Vor dem 123. Internistenkongress sprach DGIM-Onlinekongress mit der diesjährigen Präsidentin Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger über die Themen des Kongresses, Trends und Entwicklungen im Gesundheitsbereich sowie über ihre persönlichen Kongress-Highlights.

Frau Professor Schumm-Draeger, als Präsidentin bereiten Sie den 123. Internistenkongress vor. Was haben Sie sich vorgenommen?

Petra-Maria Schumm-Draeger: Leit- und Hauptthema des Kongresses, mein gesamtes Bestreben mit diesem Programm und aller umgebenden Aktionen im Vorfeld des Kongresses und auch danach zielen darauf ab, eine realistisch umsetzbare Verbesserung unserer medizinischen Versorgung wirklich zu erreichen, für unsere Patien-tenschaft und für alle beteiligten Personen. Hierbei muss die Kommunikation – einerseits mit dem Patienten, aber auch der Ärzte untereinander und mit anderen Beteiligten des Gesundheitssystems, Funktionsträgern – signifikant optimiert werden. Sicher ist das ein gesamtgesellschaftliches, gesamtpolitisches Thema, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin ist jedoch aufgerufen, zusammen mit dem Berufsverband der Internisten, diese Entwicklung entscheidend mitzuprägen und voranzutreiben und dies jetzt, ganz zeitnah.

Sie haben das Leitthema „Versorgung der Zukunft: Patientenorientiert, integriert und ökonomisch zugleich“ gewählt. Warum haben Sie sich für dieses Motto entschieden?

Schumm-Draeger: Die Veränderungen medizinischer Strukturen innerhalb der letzten Jahrzehnte gingen nicht nur mit einer Zunahme der Spezialisierung gerade internistischer Schwerpunkte einher, mit Abschottung der verschiedenen Fachgebiete gegeneinander, sondern, vor allem im stationären Bereich wurde durch die Einführung des Fallpauschalen- / DRG-Systems ein überdenkenswerter Wettbewerb um Patienten bzw. Hauptdiagnosen begonnen. Somit, durch viele Untersuchungen auch bestätigt, ist es zu einer „ökonomisch gesteuerten“ Neuausrichtung medizinischer Versorgung gekommen, mit der Paradoxie, dass letztlich ökonomische Aspekte die Notwendigkeit medizinischer Interventionen diktieren. Hoch dotierte Fallpauschalen induzieren eine Überversorgung, niedrig dosierte hingegen eine zunehmende Unterversorgung in den entsprechenden Schwerpunkten. Es muss jedoch in einer zukunftsweisenden medizinischen Versorgung der Patient im Fokus stehen und die Gesamtheit der Versorgungsmaßnahmen muss sich an diesem Zentrum, dem Patienten, orientieren. Durch eine integrierte, interdisziplinär ausgerichtete medizinische Versorgung. Aufgrund dieser aktuellen, immer mehr zunehmenden problematischen Entwicklung der Medizin insgesamt und insbesondere auch der Inneren Medizin wurde das Leitthema von mir gewählt.

Haben Sie Zweifel, dass die patientenorientierte, individualisierte Medizin in unserem Gesundheitssystem zukünftig sichergestellt ist?

Schumm-Draeger: Ja, ich habe große Zweifel, dass diese sichergestellt ist. Dies liegt darin begründet, dass – wie bereits bei der vorhergehenden Frage ausgeführt – schwerwiegende Veränderung zu einer Ökonomisierung der Medizin geführt haben, die völlig konträr steht zu einer patientenorientierten individualisierten Medizin und hier der Patient völlig aus dem Fokus rückt, zugunsten ökonomischer Gesichtspunkte. Die Versorgung des Patienten steht nicht mehr im Mittelpunkt, obwohl diese eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe mit dem Ziel von Krankheitsprävention, Früherkennung und effektiver Behandlung aufgrund neuester Kenntnisse darstellen sollte. Ärzten ist es sowohl in den Kliniken als auch im niedergelassenen Bereich meistens nicht mehr möglich, sich auf den Patienten zu konzentrieren, da sie durch das ökonomische Diktat weder Zeit noch Ressourcen haben, sich ihrer eigentlichen Aufgabe, der Diagnostik und Therapie und dem Gespräch mit dem Patienten zu widmen. In die Entscheidungsgremien der Kliniken sind Ärzte überwiegend nicht eingebunden, hier werden die Vorgaben ausschließlich betriebswirtschaftlich durchgeführt und nicht an den Bedürfnissen der Patientenschaft orientiert. Dringend ist eine Rückbesinnung auf die medizinisch-ethische Verpflichtung einer adäquaten und patientenorientierten Medizin erforderlich und muss den entsprechenden Funktionsträgern, den gesund-heitspolitischen Verantwortlichen bewusst gemacht werden, um zügig eine Änderung herbeizuführen.

Dennoch werden gesundheitsökonomische Aspekte und damit eine kostenorientierte medizinische Versorgung zunehmend wichtiger. Wo sehen Sie hier Chancen einer interdisziplinären Vernetzung bzw. integrierten Versorgung?

Schumm-Draeger: Relevante Ursache für Über- und Unterversorgung sind Fehlversorgung und Ineffizienz in unserem System, Folge ist eine defizitäre integrierende und koordinierende internistische Versorgung unserer Bevölkerung. In den verschiedenen Versorgungssektoren, Versorgungsstufen und Einrichtungen wird oft neben- statt miteinander gearbeitet. Durch eine zielgerichtete integrierte und interdisziplinäre Zusammenarbeit könnte eine erhebliche Verbesserung der Versorgung erreicht werden. Das kommt dem Patienten zu Gute, wirkt sich aber auch positiv auf die Kosten aus, da Doppeluntersuchungen vermieden und eine zügige Diagnostik und Therapie durch diese Vernetzung ermöglicht würden. Die Abläufe werden schlanker, die Kosten geringer und das Wohl des Patienten deutlich gefördert – im Sinne aller Beteiligten.

Ein Schwerpunkt der vergangenen Kongresse waren neue Entwicklungen im Bereich Digital Health. Wie weit ist das Thema inzwischen vorangeschritten – und im Arbeitsalltag von Ihnen bzw. Ihren Kollegen angekommen?

Schumm-Draeger: Die Digitalisierung der Medizin schreitet immer schneller voran, wobei dieser technische Wandel über die Medizin hinaus das Individuum und auch die Gesellschaft miterfasst. Die Entwicklung eröffnet auch neue Wege der Kommunikation, Transparenz und Nutzung von Angeboten. Wenngleich die Politik die Potentiale der wachsenden Technologien erkennt, wird der Nutzen von Health-IT von allen Beteiligten wiederholt kritische diskutiert, es werden zum Teil Innovationen im System blockiert – insbesondere immer wieder mit Blick auf Sicherheitsrisiken und Unwägbarkeiten des Datenschutzes. Gerade in der Diabetologie spielen Möglichkeiten der digitalen Medizin eine große und zunehmend wichtige Rolle, von kontinuierlicher Blutzuckermessung bis hin zu umsetzbaren telemedizinischen Aspekten der Diabetes-Therapie und vieles mehr. Selbstverständlich ist die Evaluation von Gesundheits-Apps auch im Zusammenhang mit Übergewicht, Adipositas, Stoffwechsel- und Herzkreislaufproblemen gut zu evaluieren und hier stehen viele Schritte noch aus, auch von gesundheitspolitischer Seite. Das Thema wird unaufhaltsam wachsen und es ist von größter Bedeutung, dass wir als Vertreter der Inneren Medizin, ich zudem als Vertreterin auch der Diabetologie, hier mitwirken, die Digitalisierung dieses medizinischen Bereiches zu gestalten und zu kontrollieren bzw. zu evaluieren. Bereits Anfang dieses Jahres thematisierte die DGIM gemeinsam mit ihren Korporativen Mitgliedern  beim alljährlich stattfindenden Opinion Leader Meeting zahlreiche Facetten der digitalen Medizin und betrachteten ihre verschiedene Einsatzmöglichkeiten – beispielweise in Klinik und Praxis, bei Krankenkassen und nicht zuletzt auf den mobilen Endgeräten direkt bei den Patienten.

Als Endokrinologin mit Schwerpunkt Diabetologie möchten Sie diesen Themen sicher einen besonderen Stellenwert auf dem Kongress geben. Wird es beispielsweise spezielle Refresher- oder Kompaktkurse in den Bereichen Endokrinologie, Diabetologie und Angiologie geben?

Schumm-Draeger: Ja, das Programm wird sowohl in interdisziplinären klinischen Symposien, Refresher- und Kompaktkursen als auch Life-cases die Schwerpunkte Endokrinologie, Diabetologie und Angiologie / Gefäßmedizin im Einzelnen adressieren und aktuelle Aspekte von Diagnostik und Therapie darstellen. Insbesondere die interdisziplinäre Innere Medizin wird exzellent von den genannten Schwerpunkten abgebildet und dies kommt im Kongress in den verschiedenen Angeboten und Sitzungstypen zum Ausdruck, durch Themenzusammenstellung und Referentenauswahl, wobei dies von der Inneren Medizin zur Chirurgie, Radiologie und anderen Schwerpunkten der Inneren Medizin und darüber hinaus reicht.

Individuelle Pharmakotherapie und genderspezifische Aspekte in Diagnostik und Therapie sind weitere Schwerpunktthemen. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Schumm-Draeger: Insbesondere der demografische Wandel macht es immer schwieriger und stellte eine große Herausforderung dar, die individuelle Pharmako-Therapie für den jeweiligen Patienten, die Patientin zu gestalten. Während des Kongresses gibt es mehrere Angebote in klinischen und interdisziplinären Symposien sowie darüber hinaus in weiteren Formaten, die wichtigen Besonderheiten einer individuellen, alters- und krankheitsgerechten Pharmakotherapie zu vermitteln. Die zunehmende Spezialisierung, gerade auch in der Inneren Medizin, führt, aufgrund der häufig unzureichenden Kommunikation zwischen verschiedenen behandelnden Spezialisten, gerade beim älteren, multimorbiden Patienten zu großen Problemen. Zusammenfassend: Demografischer Wandel, Multimorbidität, Spezialisierung, unzureichende Kommunikation: All dies gilt es zu überwinden und zu verbessern. Genderspezifische Aspekte in verschiedenen Schwerpunkten der Inneren Medizin sowie auch in anderen Gebieten der Medizin spielen eine immer größere Rolle, die Kenntnisse dazu aus wissenschaftlich-klinischen Studien wachsen, werden jedoch viel zu selten berücksichtigt. Es wird zwei große Symposien zu genderspezifischen Aspekten auf dem 123. Internistenkongress geben, erstmals als Hauptthema auf einem Internistenkongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Wir hoffen, dass das Thema beim anstehenden Kongress großes Interesse weckt, dass dieses Thema kontinuierlich weiter bearbeitet wird und klinisch relevante Informationen an die Teilnehmer vermittelt. Gerade Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Adipositas und Diabetes mellitus weisen diagnostisch und therapeutisch sehr wichtige genderspezifische Unterschiede auf, die beachtet werden müssen sowohl in Diagnostik als auch Behandlung.

Ihre Vorgänger im Amt, Professor Hasenfuß und Professor Hallek, haben die Initiative „Klug entscheiden“ vorangetrieben. Wird sie dieses Jahr auf dem Kongress auch eine Rolle spielen?

Schumm-Draeger: Selbstverständlich wird diese Initiative kontinuierlich weiter vorangetrieben. Sie ist extrem eng vernetzt mit dem Leitthema des diesjährigen Internistenkongresses, da eine patientenorientierte, integrierte und auch gleichzeitig ökonomische Versorgung der Zukunft immer auch das Thema „Klug entscheiden“ einschließt, die beiden Themen sind unzertrennlich. Auf dem kommenden Kongress wird es an 1,5 Tage ein umfassendes Symposium zu „Klug entscheiden“ geben, bei dem alle bisher auch im Deutschen Ärzteblatt publizierten Empfehlungen von den verschiedenen Schwerpunktgesellschaften präsentiert und diskutiert werden. Auch weitere Aspekte des Themas „Klug entscheiden“, wie die Entwicklung eines Gütesiegels, zertifizierter Fortbildungsveranstaltungen und auch die weitere Definition von Empfehlungen, Positiv- und Negativempfehlungen der Schwerpunktgesellschaften in jedem Jahr, so auch 2017, sind bereits festgelegt. Es wird gegenwärtig mit Krankenkassen verhandelt, in wie weit die Arztgespräche zu „Klug entscheiden“ mit dem Patienten eine Sondervergütung erhalten können.

Gibt es neue Formate, die sie sich für diese Jahrestagung haben einfallen lassen? (Gibt es eigentlich wieder Plenarvorträge?)

Schumm-Draeger: Ja, hier stehen insbesondere die interdisziplinären klinischen Symposien im Vordergrund, die es in dieser Art bisher noch nicht gab und die zum Ausdruck bringen sollen, dass eine interdisziplinäre Innere Medizin, auch in Zusammenarbeit mit anderen Gebieten der Medizin, die Versorgung der Zukunft darstellt, um wirklich individuell und patientenorientiert handelt zu können. Dies wird durch die Auswahl von Themen und Referenten aus den verschiedenen Schwerpunkten der Inneren Medizin und darüber hinaus in klinischen interdisziplinären Symposien abgebildet. Sie behandeln neben dem Schwerpunkt Endokrinologie, Diabetologie und Angiologie zahlreiche weitere Bereiche, die zur Inneren Medizin gehören oder an diese angrenzen.

Die Besucher des Vorjahreskongresses konnten erstmals Programmwünsche für diesen Kongress äußern. Welche Punkte haben es auf Grundlage der Umfrage ins diesjährige Kongressprogramm geschafft?

Schumm-Draeger: Selbstverständlich habe ich mich an den Wünschen der Kongressteilnehmer 2016 orientiert und besonders beliebte Formate jetzt mehr in den Vordergrund gerückt und umgekehrt.

Erstmals wird es ein „Curriculum der Inneren Medizin für Europa“ geben. Können Sie das bitte näher erläutern?

Schumm-Draeger: Es ist von größter Bedeutung, eine einheitliche Prüfung für den Internisten in Europa zu etablieren, bei zunehmender Globalisierung und Mobilität der Ärztinnen und Ärzte gerade innerhalb der EU muss es gewährleistet sein, dass hier keine Hürden durch uneinheitliche Prüfungen und Nichtakzeptanz von Examina  entstehen. Die European Federation of Internal Medicine hat das Curriculum Innere Medizin für Europa in Zusammenarbeit mit den verschiedenen europäischen Ländern auch unter meiner Mitwirkung erarbeitet und dieses wird vom Präsidenten der EFIM in einem entsprechenden Symposium des kommenden Internistenkongresses vorgestellt werden. Es ist insbesondere für die jüngeren Medizinerinnen und Mediziner und angehenden Internisten beim Kongress von größtem Interesses und trägt zu deren Information und Weiterentwicklung hinzu einer eine europäischen Inneren Medizin bei.

Zum Schluss, bitte verraten Sie uns noch Ihre Highlights des kommenden Kongresses und was Sie sich persönlich von dem Kongress erhoffen.

Schumm-Draeger: Für mich ist es entscheidend, zu transportieren, dass eine patientenorientierte, integrierte, interdisziplinäre Versorgung der Medizin gerade in der Inneren Medizin in Zukunft gewährleistet sein muss und ich mich nicht nur beim Kongress, sondern mit vielen weiteren Aktivitäten dafür stark mache. Auch zieht sich das Thema der Ökonomisierung der Medizin durch die gesamte Veranstaltung, nicht zuletzt mit drei Plenarvorträgen von Kardinal Lehmann, Professor Pramstaller und Professor Battegay und dem Festvortrag von Professor Nida-Rümelin. Sie alle werden sich aus verschiedenen Gesichtspunkten – ethisch, religiös, medizinethisch, philosophisch und medizinisch-ökonomisch – dem Thema nähern und es für die Kongressteilnehmer beleuchten. Dies ist eine so zentrale Frage für alle Gebiete der Medizin und eben gerade auch für die Inneren Medizin. Für mich ist es ein besonderes Highlight und eine persönliche Hoffnung, beim Kongress ein Bewusstsein zu schaffen und mit der Entwicklung eines Klinik-Kodexes, weiterer Positionspapiere und Presseaktivitäten letztlich gesundheitspolitisch präsent zu werden. Mit den entscheidenden Akteuren im Gesundheitswesen können wir die Frage der Ökonomisierung diskutieren, wie Änderungen zeitnah herbeigeführt werden können, zum Wohle unserer Patienten! Sämtliche weitere Hauptthemen liegen mir sehr am Herzen und sie stellen natürlich in der Gesamtschau des Ganzen mein Highlight dar. Ich freue mich darauf, in diesem Jahr unter anderem einer Frau die Ehrenmitgliedschaft der DGIM verleihen zu dürfen und hoffe, dass diese Entwicklung, die Berücksichtigung erfolgreicher, kluger Frauen in der Inneren Medizin und der DGIM weitergehen wird. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen schon seit Jahren meiner Tätigkeit bei der DGIM, dem BDI sowie der EFIM, junge Mediziner und angehende sowie junge Internisten zu fördern, was auch jetzt beim Kongress mit der eigenen Veranstaltung junger Internisten und dem Programm „Chances“ zum Ausdruck kommt. Dies werde ich auch weiterhin sehr unterstützen.

Erstmals wird es ein gemeinsames Symposium von DGIM und BDI beim Kongress geben, das soll ein Ausdruck dafür sein, dass die wissenschaftliche Gesellschaft sowie der Berufsverband zukünftig viel enger und gemeinsam zu vielen Themen arbeiten müssen, um die Internisten in der Gesamtheit zu vertreten und erfolgreich zu agieren.