Lösungsansätze interdisziplinär diskutiert

Raus aus der Antibiotikamisere

Raus aus der Antibiotikamisere
©G. Pohl Boskamp

Fraglos sind Antibiotika eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Ihr unsachgemäßer Einsatz hat jedoch dazu geführt, dass Erreger Resistenzen entwickeln und die Medikamente an Wirksamkeit einbüßen. Experten prognostizieren, dass sich antibiotikaresistente Bakterien bis zum Jahr 2050 zur Todesursache Nummer 1 entwickeln werden. Ein Umdenken hinsichtlich des Antibiotika-Gebrauchs ist daher notwendig. Darüber ist sich jeder, der sich mit dieser Materie befasst, im Klaren. Wie dies konkret umgesetzt werden kann, welche Strategien bislang entwickelt wurden und wie Lösungsansätze aussehen könnten, darüber diskutierten Experten unterschiedlicher Disziplinen des Gesundheitswesens auf dem 23. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik.

Abbildung: Zeigten Lösungen auf und diskutierten die Fragen des Auditoriums: (v.l.n.r.) Dr. Rainer Höhl, Ute Leonhardt, Prof. Karin Kraft, Prof. Alena Buyx, Gitta Connemann und Prof. Achim Jockwig

„Wir sind uns alle einig, dass etwas passieren muss“, bestätigte Gitta Connemann, MdB, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche Ernährung, Landwirtschaft, gesundheitlichen Verbraucherschutz. Daher wurde bereits 2008 die erste Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie (DART) initiiert, die schon erste Erfolge nachweisen kann. „Da Resistenzen jedoch keine Landesgrenzen kennen, werden internationale Ansätze benötigt, die auch sektorenübergreifend agieren“, so die Referentin. Im Rahmen der DART 2020 wurden die Ziele unter Berücksichtigung der WHO-One-Health-Strategie noch einmal neu definiert. Es würden unter anderem valide Daten benötigt, um Resistenzentwicklungen frühzeitig erkennen und vermeiden zu können. Das setze jedoch eine Stärkung der Forschung voraus, die in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag leisten kann. Darüber hinaus müssen Therapieoptionen verbessert und gleichermaßen der sachgerechte Einsatz und die korrekte Einnahme der Therapeutika gefördert werden. Des Weiteren sollen durch Hygienemaßnahmen und qualifiziertes Personal Infektionsketten früh unterbrochen und letztendlich vermieden werden. „Viele Gesetze sind bereits auf den Weg gebracht worden und langsam greift auch in der Politik ein neues Bewusstsein für dieses komplexe Geschehen“, so Connemann. „Dennoch muss noch viel geschehen.“

Kommunikation und Information im Fokus

Diese Auffassung vertrat auch Ute Leonhardt, stellvertretende Abteilungsleiterin, Abteilung Ambulante Versorgung beim vdek (Verband der Ersatzkassen e.V.): „Aktuell verzeichnen wir jährlich bis zu 4.000 Todesfälle durch multiresistente Erreger. Die WHO geht allerdings davon aus, dass bis 2050 mehr Menschen aufgrund der Resistenzen versterben als an Krebs.“ Eine Auswertung der Verordnungszahlen hat ergeben, dass ca. 30 % aller Antibiotikaverordnungen in Deutschland unnötig sind und zudem der Einsatz von Breitbandantibiotika gestiegen ist. Dieser Entwicklung wollen die Ersatzkassen durch das Modellprojekt RESIST (RESISTenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen) entgegenwirken. „Wir bilden hinsichtlich geeigneter Kommunikationsstrategien und einem leitliniengerechten Antibiotikaeinsatz weiter, fördern die gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient und stellen einen ‚Instrumentenkoffer‘ bereit, um die Ärzte möglichst vielfältig zu unterstützen“, so Leonhardt. Erste vorläufige Evaluationsdaten scheinen vielversprechend.

Lösungsstrategien im Praxisalltag

Die Sicht des Klinikers brachte Dr. med. Rainer Höhl, Oberarzt am Institut für Klinikhygiene, Medizinische Mikrobiologie und Klinische Infektiologie, Antimicrobial Stewardship (AMS) am Klinikum Nürnberg, mit in die Diskussion ein. Die Ursachen für die Resistenzentwicklung auf globaler Ebene sieht er neben der unsachgerechten Verordnung in der Humanmedizin auch in einem häufigen Gebrauch in der Tiermedizin, in suboptimalen Dosierungen, bei der Hygiene, anitbiotikahaltige Abwässer in der Nähe von einigen Produktionsstätten, der langsamen Diagnostik und dem modernen Reiseverhalten. „Durch die individuell unterschiedlichen Wirkweisen der einzelnen Antibiotika müssen deren Dosierung und Anwendungsdauer auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden“, unterstrich der Experte. Mit dem Erfassen, Bewerten und Beraten hinsichtlich der Antibiotikaverordnungen wurde mit dem Antimicrobial/Antibiotic Stewardship (AMS/ABS) ein Programm zur Optimierung der antimikrobiellen Therapie und Prophylaxe eingeführt, das in der Klinik zusätzlich zu intensiven Hygieneschulungen zur Verringerung des Antibiotika-Bedarfs und zur Steigerung der Qualität der Antiinfektiva-Behandlung beitragen soll.

Es muss nicht immer ein Antibiotikum sein

Auch gibt es konkrete Empfehlungen, wann ein Antibiotikum durch andere Therapeutika ersetzt werden kann. Gerade pflanzliche Arzneimittel rücken durch ihr zum Teil erhebliches antiinfektives Potential zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. „Der Arzt muss in sehr kurzer Zeit entscheiden, ob ein Antibiotikum indiziert ist oder nicht. Nicht immer lässt sich das Fazit jedoch eindeutig ziehen. Gerade bei fraglichen oder nur leichten bakteriellen Infektionen können Phytotherapeutika Sicherheit bringen“, meinte Prof. Dr. med. Karin Kraft, Stiftungsprofessorin für Naturheilkunde an der Universität Rostock und Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie. „Denn sie haben ein breites antiinfektives Spektrum, sind hervorragend verträglich und verursachen keine bakteriellen Resistenzen.“ Da auch randomisierte, kontrollierte klinische Studien vorliegen, werden pflanzliche Arzneimittel vermehrt in deutsche Leitlinien aufgenommen, wie beispielsweise zur Rhinosinusitis, Husten und zu unkomplizierten Harnwegsinfekten. „90 % aller Atemwegsinfektionen mit Husten benötigen keine antibiotische Therapie“, bekräftigte die Rednerin.

Alle für einen oder einer für alle?

Ziel aller Bestrebungen ist die Erhaltung des Gemeinwohls unter bestmöglicher Berücksichtigung des Individualwohls. Keine leichte Aufgabe, wie Prof. Dr. med. Alena Buyx, M. A. phil., Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München, Mitglied im Deutschen Ethikrat, darlegte: „Es gibt keine einfache Lösung.“ Auf der Seite der Rationalisierung besteht zum Beispiel ein massives Implementationsproblem. Es fehlt an Informationen und Ressourcen. Bei der Rationierung muss zwischen dem unmittelbaren Nutzen und nur schwer quantifizierbaren, zukünftigen Kosten abgewogen werden. „Fragen, wie die nach der Höhe des Risikos für den individuellen Patienten oder der allgemeiner Risikogrenzen, müssen betrachtet und beantwortet werden“, meinte Buyx. Statische Grenzen scheinen hier nicht adäquat. Aber die Diskussion wird weitergeführt werden müssen.

Der Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. med. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Nürnberg und Professor an der Hochschule Fresenius, brachte nach einer angeregten und bei weitem nicht abgeschlossenen Diskussionsrunde die wichtigsten Fakten auf den Punkt: Es wird bereits viel unternommen, um den Antibiotikaresistenzen Einhalt zu gebieten. Dennoch bedarf es weiterer Investitionen durch die Gesundheitspolitik und der Erforschung von Alternativen. Zudem besteht nach wie vor ein großes Informationsdefizit in der Bevölkerung, das umfassend über alle beteiligten Disziplinen ausgeglichen werden sollte.

Sinusitis und Bronchitis – ELOM-080 als Antibiotika-Alternative

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