Polypharmazie: Digitale Helfer mit geringer Durchdringung bei der Zielgruppe

Potenzial und Realität klaffen noch auseinander

Potenzial und Realität klaffen noch auseinander
Dr. Sven Schmiedel: „Viele UAW sind bei gewissenhafter Medikationsplanung vermeidbar.“ Reinhart

Über den aktuellen Stand bei medizinischen Apps sowie die Pharmakovigilanz und die Adhärenz/Compliance diskutierten die Referenten der Session zum Thema Polypharmazie.

Sind digitale Möglichkeiten tatsächlich die erhoffte Brücke zu mehr Patientensicherheit? Diese Frage stellte Dr. Ursula Kramer, Freiburg. Mit digitalen Patientenakten, der Telemedizin und Health-Apps, sei die digitale Welt neben der stationären und der ambulanten Behandlung der dritte Sektor der Medizin. „Das Ziel ist es, Arzneimitteltherapiesicherheit zu gewährleisten und bei der Pharmakotherapie älterer Patienten Medikationsfehler, so gut es geht, zu vermeiden“, erklärte Kramer.

Als „Pharmakotherapie 4.0“ stellte Kramer zum Beispiel „sprechende Beipackzettel“ vor – ein QR-Code auf der Arzneipackung führt direkt zur begleitenden „Compa‧nion-App“, die alle Fragen zum Therapeutikum beantwortet oder Anleitung zur Lebensstilveränderung gibt. Da sei auch die direkte Verbindung mit Wearables denkbar. Die bereits recht beliebten, mit Sensoren versehenen tragbaren Geräte überwachen zahlreiche Parameter. Der Arzt kann sich dann aus der digitalen Patientenakte diese Informationen holen und beurteilen, wie es um die Aktivität des Patienten und die Lebensqualität steht, und ob die Einnahme neu verordneter Medikamente möglicherweise mit Nebenwirkungen einhergeht. Gegebenenfalls sollen dann auch Onlinesprechstunden angeboten werden. „Es muss unsere Vision sein, über die höchstmögliche Individualisierung eine Verbesserung des Outcomes zu erzielen“, sagte Kramer.

Technisch alles möglich

Technisch sei mittlerweile alles möglich, doch die Realität zeichne ein nüchteres Bild: Es gibt knapp drei Millionen Apps, jede 2500. davon ist in deutscher Sprache verfügbar. Tatsächlich gebe unter diesem breiten Angebot nur wenig relevante Apps und nur wenige Downloads. „Es ist schwierig, eine App zu finden, die tatsächlich viele Menschen anzieht“, resümierte Kramer. Als Qualitätskriterium gebe es für Medizin-Apps eine CE-Kennzeichnung für diejenigen Programme, die vom Hersteller explizit mit einer medizinischen Zweckbestimmung auf den Markt gebracht werden. Jedoch seien nur etwas mehr als 20 Apps auf diese Weise reguliert, eine verschwindend geringe Menge. Kramer: „Außerdem ist die CE-Kennzeichnung nicht mit einem Nutzennachweis gleichzusetzen.“

Die Bilanz der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) falle nicht positiver aus: 14 Jahre Entwicklungszeit seit Beschluss, zwei Milliarden Euro Ausgaben und viele technische Probleme stehen zu Buche. Ein bundeseinheitlicher Medikationsplan stehe 15 Millionen Menschen in Deutschland zu, all denjenigen, die mehr als drei Medikamente pro Tag zu sich nehmen müssen. „Diesen gibt es nach wie vor nur in Papierform – es steht in den Sternen, wann er in digitaler Form verfügbar sein wird“, sagte Kramer.

Können Apps das Warten auf die elektronische Patientenakte überbrücken? Mögliche Lösungsanbieter sind Start-ups (Verwaltung persön‧licher Gesundheitsdaten), Pharmahersteller (Therapieadhärenz) und Verlage bzw. Apotheken (Medikamentenadhärenz). Von den Apps, die als digitale Patientenakte fungieren sollen, wurden bisher nur 60 000 Downloads verzeichnet, die Resonanz der Patienten ist gering. Companion-Apps von Pharmaherstellern finden ebenfalls wenig Anklang; elf Apps stellen rund 80 Prozent der Downloads. Wie kann sich das ändern? Kramer glaubt, dass ein einfacherer Zugang zu Health-Apps helfen kann. Die „Digital Health Literacy“ (Gesundheitskompetenz) müsse gesteigert und die Telematikinfrastruktur weiter aufgebaut werden, um eine Schnittstelle zur Welt des Patienten anbieten zu können. Qualitätskriterien und Evaluationstools müssten weiterentwickelt werden, um den Nutzen von Apps besser einschätzen zu können.

Die Wichtigkeit der Pharmakovigilanz, also der ständigen und systematischen Überwachung der Sicherheit eines Arzneimittels, betonte Dr. Sven Schmiedel, Wuppertal. Bisher gingen sehr wenige Meldungen ein, die unerwünschte Ereignisse, gerade bei älteren und multimorbiden Patienten, beschreiben. „Das wichtigste Instrument wird nicht genutzt, das ist eine Katastrophe“, sagte Schmiedel. Dabei seien noch nicht vorbeschriebene Nebenwirkungen wichtig und von behördlicher Relevanz – diese können per Eingabeformular an die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft eingereicht werden.

Doch wie entdeckt man Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW)? Unerwünschte Ereignisse seien nicht mit Nebenwirkungen gleichzusetzen. Leitlinien geben Symptome für UAW vor, diese seien teilweise jedoch recht unspezifisch, was die Unterscheidung zwischen der Grunderkrankung und einer UAW schwierig mache. „Eine Kausalitätsmessung muss erfolgen“, sagte Schmiedel. Der Arzt müsse den zeitlichen und symptomatologischen Zusammenhang suchen. Um UAW zu vermeiden, empfahl Schmiedel den Medication Appropriatedness Index.