Weltweite Verbreitung nimmt zu

Multiresistenz bei gramnegativen Bakterien

Multiresistenz bei gramnegativen Bakterien
Professor Dr. med. Mariam Klouche © Privat

Weltweit nimmt die Anzahl an multiresistenten Bakterien zu. Galten bisher grampositive Bakterien als die größte Herausforderung, rücken immer mehr auch gramnegative Bakterien in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Entwicklung und Verbreitung von Antibiotikaresistenzen ist eine zunehmende Herausforderung für die Kontrolle und die Therapie von Infektionskrankheiten. „Während bisher vor allem grampositive multiresistente Bakterien wie MRSA im Fokus der Hygienemaßnahmen und des öffentlichen Interesses lagen, nehmen in Deutschland seit Jahren die multiresistenten gramnegativen Bakterien deutlich schneller zu", sagte die Bremer Fachärztin für Laboratoriumsmedizin, Transfusionsmedizin, Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie Professor Dr. med. Mariam Klouche auf der MEDICA EDUCATION CONFERENCE 2015.

ESBL-bildende gramnegative Enterobakterien haben längst MRSA als häufigste multiresistente Bakterien in Krankenhäusern überholt. Bei den multiresistenten gramnegativen Bakterien handelt es sich überwiegend um Darmkeime, aber auch Umweltkeime und besondere Spezies wie Nonfermenter spielen eine Rolle.

Multiresistenzen werden über Plasmide ausgetauscht

Ein besonderes Problem stellen übertragbare Multiresistenzen dar, die zwischen Bakterien einer Spezies aber auch zwischen verschiedenen Spezies ausgetauscht werden können. Daher ist die Zunahme von ESBL-Bildenden gramnegativen Bakterien, die über die Freisetzung von ß-Lactamasen mit erweitertem Spektrum gleichzeitig mehrere Klassen der in Deutschland am häufigsten eingesetzten ß-Lactamantibiotika inaktivieren können, von besonderer klinischer Bedeutung.

Die ESBL-Resistenz ist häufig auf einem Plasmid codiert, sodass die Übertragung dieses Breitspektrum-Resistenztyps besonders leicht ist. Auf diesen extrachromosomalen Plasmiden können zusätzliche weitere Resistenzgene liegen, die leicht zwischen Bakterien ausgetauscht werden können. In ähnlicher Weise führt die noch bedrohlichere weltweite Zunahme von Carbapenemasen, die teilweise ebenfalls auf Plasmiden lokalisiert relativ einfach übertragbar sind, zu einer Verbreitung von panresistenten gramnegativen Bakterien für die keine etablierte Behandlungsmöglichkeit mehr besteht.

Hoher Antibiotikaverbrauch in der Tiermast

Ein wichtiges Reservoir für multiresistente gramnegative Bakterien ist der Darm von Menschen und Tieren, in dem die multiresistenten gramnegativen Bakterien für unbegrenzte Zeiträume persistieren können. Eine Übertragung von ESBL-bildenden Enterobacteriaceae kann durch Lebensmittel, Kontakte mit Tieren, Dünger sowie kontaminiertes Wasser erfolgen. Hier stellt der außerordentlich hohe Antibiotikaverbrauch in der Tiermast einen starken Selektionsfaktor für Antibiotikaresistenzen dar. Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern Europas zeigen eine rasche Dissemination von ambulant erworbenen ESBL-Bildnern bei gesunden Erwachsenen ohne Kontakt zu Einrichtungen des Gesundheitssystems.

Internationale Reisen und Tourismus, Migration und Flüchtlingsbewegungen sowie auch Kriegsverletzungen tragen zur Verbreitung von multiresistenten gramnegativen Bakterien bei. Dabei sind auch zunehmend Verbreitungen von Pan-Resistenzen, wie bei Acinetobacter spp. zu erwarten. Acinetobacter ist ein wichtiger Infektionserreger von schweren lokalen und systemischen Infektionen und weist bereits natürlicherweise Resistenzen gegen fast alle Antibiotika auf, sodass Carbapeneme oftmals die einzige Behandlungsoption darstellen.

Gramnegative Bakterien sind komplex

Ein besonderes Problem für die zuverlässige Identifikation von Multiresistenzen bei gramnegativen Bakterien besteht in deren Komplexität, die zum einen mehrere hundert verschiedene Spezies und Subspezies umfasst und zum anderen auch molekular auf sehr heterogenen Mechanismen beruht, die eine komplexe Stufendiagnostik erfordern. Die verschiedenen Resistenzmechanismen sind von klinischer, infektiologischer und hygienischer Relevanz, da beispielsweise Plasmid-gebundene Resistenzen eine höhere Transmissibilität aufweisen und sehr leicht zwischen Bakterien auch verschiedener Spezies weitergegeben werden können.

Derzeit existieren weder Verfahren für ein umfassendes einfaches Screening aller derzeit bekannten multiresistenten gramnegativer Bakterien, noch ist es möglich, alle relevanten zugrunde liegenden molekularen Mechanismen durch Routinemethoden zu erfassen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Ärzten und Fachärzten für medizinische Mikrobiologe der diagnostischen Labore ist daher regelhaft erforderlich.