4. Heel-Wissenschaftsforum

Multimorbidität und Polypharmazie: Eine Herausforderung im Praxisalltag

Multimorbidität und Polypharmazie: Eine Herausforderung im Praxisalltag
©Heel

Ältere Patienten leiden häufig unter mehreren Erkrankungen, was bei der medikamentösen Behandlung eine wichtige Rolle spielt. Dabei muss immer wieder überprüft werden, wie die verschiedenen Medikamente interagieren und welche Medikamente wirklich notwendig sind, betonte PD Dr. Werner Hofmann, Berlin, beim 4. Heel-Wissenschaftsforum anlässlich des Internistenkongresses 2019 (DGIM) in Wiesbaden.

In Deutschland ist derzeit rund ein Viertel der Menschen 60 Jahre und älter. Viele davon haben drei oder mehr Erkrankungen. Durchschnittlich jeder zweite Patient dieser Altersgruppe nimmt deshalb täglich und dauerhaft mehrere Arzneimittel ein. Das birgt Risiken. Doch Polypharmazie kann nur im Kontext und unter Berücksichtigung bestehender Erkrankungen beurteilt werden, heißt es dazu im aktuellen Barmer Arzneimittelreport 2018.

Als Faustregel für geriatrische Patienten gilt laut PD Dr. Werner Hofmann: Werden mehr als fünf Medikamente verordnet, sollte für jedes weitere Medikament ein anderes reduziert werden. Denn Polypharmazie ist nach Hofmanns Aussage ein eigenständiger Risikofaktor für Sturz, Fraktur, Delir und dadurch bedingte höhere Sterblichkeit. Eine regelmäßige systematische Überprüfung verordneter Arzneimittel und „Deprescribing“ – das Absetzen von nicht mehr erforderlichen Arzneimitteln – sollten daher in der Regelversorgung zum Standard gehören. „Das entspricht der alten Arztweisheit „Weniger ist mehr“, sagte Hofmann.

Schlafqualität bei Älteren häufig beeinträchtigt

Etwa die Hälfte der Menschen, die älter als 65 Jahre sind, klagt über Schlafprobleme. Vielfach spielen Medikamente und Erkrankungen dabei eine Rolle. Nach Angaben der Arbeitsgruppe Geriatrie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) wird die Schlafqualität älterer Menschen durch eine Reihe von Erkrankungen, die in dieser Altersgruppe typisch sind, beeinträchtigt. So wird der Schlaf durch häufiges nächtliches Wasserlassen (Nykturie), Magenbeschwerden, Herz- und Lungenerkrankungen, Diabetes mellitus sowie chronische Schmerzen gestört. Auch Arthrosen und Entzündungen als Ursache für Schmerzen spielen eine Rolle. Solche Erkrankungen verleiten dann zur Einnahme von Schlafmitteln, ohne dass nach der eigentlichen Ursache der Schlafstörungen gesucht wird, warnt die DGSM.

Schlafmittel nicht unkritisch verordnen

Schlafmittel sollten wegen des Risikos von Nebenwirkungen insbesondere im höheren Lebensalter nicht unkritisch verordnet werden, erklärte PD Dr. Helmut Frohnhofen, Essen. Denn zu den Nebenwirkungen von Schlafmitteln gehören Gangunsicherheit, erhöhtes Sturzrisiko, Beeinträchtigung der Hirnleistungsfähigkeit sowie Inkontinenz. Auch sind aufgrund des verlangsamten Stoffwechsels des älteren Menschen eine überlange Wirkdauer in den folgenden Tag hinein und damit verbundene Schläfrigkeit möglich, so Frohnhofen. Schlafmittel sollten lediglich zur Linderung von Symptomen und dann auch nur über einen begrenzten Zeitraum verabreicht werden.

Ziel: Verbesserung der Tagesbefindlichkeit

Ein Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus wesentlich steuert, ist Cortisol, berichtete Frohnhofen. Bei Patienten mit Schlafstörungen ist der Cortisolspiegel gegenüber gesunden Menschen erhöht, entsprechend ist die Gesamtschlafzeit herabgesetzt. Sie wachen nachts und auch in den frühen Morgenstunden häufiger auf. Ähnliche Phänomene fand Frohnhofen in einer kleinen eigenen deskriptiven Studie bei Patienten, denen therapeutisch Cortisol verabreicht wurde: Aufwachwahrscheinlichkeit, Früherwachen und Durchschlafstörungen nahmen zu, die Gesamtschlafzeit nahm ab.

Ziel der Behandlung von Patienten mit Schlafstörungen ist nach Frohnhofens Angaben die Verbesserung der Tagesbefindlichkeit durch einen besseren Schlaf. Nicht-medikamentöse Therapieverfahren, wie etwa eine spezifische kognitive Verhaltenstherapie mit verschiedenen Entspannungsverfahren, Regeln zur Schlafhygiene und Informationen zum Schlaf gelten als Therapie der ersten Wahl, sind unter Praxisbedingungen allerdings nur teilweise umsetzbar. Bei der Indikationsstellung zu einer pharmako-logischen Behandlung sollte diese in ein Gesamtkonzept eingebunden werden, Nutzen und Risiko müssen gegeneinander abgewogen werden. Wichtig ist die subjektive Verbesserung bei guter Verträglichkeit. Den Cortisolspiegel regulierende natürliche Arzneimittel wie Neurexan® besitzen hier einen Stellenwert, betonte Frohnhofen.

Experteninitiative für eine patientengerechte Altersmedizin

Da die Altersmedizin zunehmend an Bedeutung gewinnt, hat der Baden-Badener Arzneimittelhersteller Heel zusammen mit der Fachkonferenz Altersmedizin die Initiative Patientengerechte Altersmedizin (IPA) gegründet. An der Fachkonferenz nehmen führende Geriater aus ganz Deutschland teil. Ziel der von Heel unterstützten Initiative ist die Vermittlung relevanter wissenschaftlicher Informationen aus der Altersmedizin, die für die Praxis aufbereitet werden.

Das erste Thema, dem sich die IPA gemeinsam mit den Experten widmet, sind Schlafstörungen im Alter, deren Diagnostik und Therapie, der Umgang mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieoptionen sowie die Vermeidung von Problemen, die durch Polypharmazie entstehen können. Es gibt bundesweite Fortbildungsangebote zu diesen Themen, Pocket-Guides, die praxisrelevante Informationen beinhalten, sowie Schulungen für das Praxisteam. Zur Unterstützung der Arzt-Patienten-Kommunikation werden den Arztpraxen auch Aufklärungsmaterialien zum Thema „Schlaf im Alter“ zur Verfügung gestellt.

Weil gesundheitliche Probleme etwa ab dem 60. Lebensjahr zwar zunehmend häufiger auftreten, aber nicht immer sofort medikamentös behandelt werden müssen, wird die IPA ihren Themenkatalog zu entsprechenden Fragestellungen und Indikationen auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Er-kenntnisse fortlaufend erweitern. Ausführlichere Informationen finden sich unter www.ipa-info.de.

Cortisolanstieg verringert

In einem akuten Stress-Experiment wurde untersucht, inwiefern das natürliche Arzneimittel Neurexan® Stressreaktionen wie die Aktivierung des autonomen Nervensystems, die Ausschüttung von Stresshor-monen sowie einen beschleunigten Herzschlag und eine gesteigerte Atmung mildern kann. In der ran-domisierten doppelblinden und placebokontrollierten Studie1 mit 64 gesunden Probanden mussten sich die Teilnehmer einem fiktiven Bewerbungsgespräch stellen und anschließend unter Zeitdruck eine schwierige Kopfrechenaufgabe lösen. Vor und nach dem Stresstest wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten Blut- und Speichelproben entnommen. Die Blutproben wurden hinsichtlich der Plasmakonzentrationen an Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol und ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) analy-siert, in den Speichelproben wurde der Cortisolspiegel bestimmt.

In der Neurexan®-Gruppe ließ sich im Vergleich zu Placebo ein signifikanter, klinisch relevanter verringerter Cortisolanstieg sowie ein im Vergleich zur Placebo-Gruppe signifikant niedrigerer Adrenalin-Level nachweisen, der unter Ruhebedingungen bei Neurexan® kaum verändert war. Die Studienergebnisse belegen damit die physiologisch messbare Wirkung von Neurexan®.

Literatur: 1Doering BK et al., Life Sciences 2016;146:139–147.

Quelle: 4. Heel-Wissenschaftsforum „Multimorbidität und Polypharmazie – eine Herausforderung im Praxisalltag“ anlässlich des 125. DGIM-Kongresses, 5. Mai 2019, Wiesbaden