Markante Fortschritte

Markante Fortschritte
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Auf dem Weg zur individualisierten Krebsmedizin: Am Montag bewertet Prof. Dr. Otmar D. Wiestler die jüngsten Fortschritte in der Krebsforschung und Onkologie.

Kaum ein Gebiet der biomedizinischen Forschung hat in jüngerer Zeit so markante Fortschritte zu verzeichnen wie die Krebsforschung und die Krebsmedizin. Aufbauend auf den Fortschritten der zellulären und molekularen Biologie ist es gelungen, für die Mehrzahl der menschlichen Tumorerkrankungen ein weitreichendes Verständnis der zugrundeliegenden molekularen Mechanismen zu erreichen. Das hat auch dazu geführt, dass zielgerichtete Therapeutika für Tumorerkrankungen entwickelt werden können.

Durch die Fortschritte der Hochdurchsatz-Genomsequenzierung und der Bioinformatik ist es auf der anderen Seite möglich geworden, eine komplette Analyse gesamter Genome im Gewebe einzelner Patienten durchzuführen. Im Rahmen des International Cancer Genome Consortiums (ICGC) ist ein weltweites Netzwerk damit beschäftigt, bei 25.000 Patienten mit den 50 gängigsten Tumorentitäten solche Ganz-Genomsequenzierungen durchzuführen.

Diese Arbeiten haben sich zum einen als Fundgrube komplexer neuer Muster genetischer und epigenetischer Veränderungen erwiesen; zum anderen zeigen sie, dass es zwischen Patienten mit identischen histopathologischen Tumorentitäten erhebliche individuelle Abweichungen gibt. Diese Unterschiede sind offensichtlich auch verantwortlich für die große Variabilität in den klinischen Verläufen und im Ansprechen auf verfügbare Therapieprotokolle. Heute können Gesamtgenomanalysen menschlicher Tumorproben mit einem bioinformatischen Profilmuster in nur zwei bis drei Wochen durchgeführt werden.

Damit lassen sich diese Untersuchungen für eine molekulare Stratifizierung von Patienten einsetzen. Aufbauend auf der damit gewonnen Information und der ansteigenden Zahl maßgeschneiderter Therapien zeichnet sich eine wirkliche individualisierte Krebsmedizin ab. Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg werden wir bis zum Ende des Jahres 2015 jedem Patienten eine Sequenzierung des Gesamtgenoms als Stratifizierungsbasis anbieten.

Im Hinblick auf die Adaptationsfähigkeit von Tumorzellen und ihre Neigung zur Therapieresistenz liegt das größte Zukunftspotential allerdings in der für den einzelnen Patienten individuell zusammengestellten intelligenten Kombination herkömmlicher und neuer Therapieverfahren. Dieser Ansatz hat das Potential, hoch maligne und erst spät diagnostizierte Krebserkrankungen über längere Zeit effizient zu kontrollieren und in ein chronisches, gut beherrschbares Stadium der Erkrankung zu überführen. Hierin liegt die größte Herausforderung für unser Gebiet in der kommenden Phase.

Prof. Dr. Otmar D. Wiestler ist Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg und erhielt 2004 das Bundesverdienstkreuz sowie 2012 die Ehrendoktorwürde von der Universität Tübingen.

Halle 1 Mo, 28.4., 11:45 Uhr