Prof. Sieber über "Inflamm-Aging" und andere Faktoren des Alterns

Ist das Alter eine Entzündung?

Ist das Alter eine Entzündung?
Die optimale Behandlung älterer Patienten ist Prof. Cornel C. Sieber ein großes Anliegen – durch einen guten Lebensstil könne man viel bewirken. Schunk

Dass der Geriater Prof. Dr. Cornel C. Sieber das Thema Altern zum großen Kongressthema in Mannheim machte, verwundert nicht. Und so befassten sich die Internisten mit den Alterungsfaktoren – und Fragen der optimalen Betreuung Älterer.

Bekannt als Alterungsfaktor sind leicht niederschwellige Entzündungen, gemessen an den Interleukin-6-TNF-Alpha-Werten. Aber wie entstehen sie? Der Begriff „Inflamm-Aging“ wurde schon im Jahr 2000 geprägt. Der italienische Immunologe Claudio Franceschi beschrieb damit die heute allgemein anerkannte Tatsache, dass das Immunsystem im Verlauf seines normalen Alterungsprozesses immer mehr entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt. „Die Balance zwischen den verschiedenen Zelltypen des Immunsystems verändert sich mit zunehmendem Alter“, erläutert dazu Sieber.

So nimmt etwa die Aktivität der adaptiven, also gegen spezifische Krankheitserreger gerichteten Immunabwehr ab, die der unspezifischeren, angeborenen Immunabwehr dagegen nimmt zu. In der Folge werden vermehrt Botenstoffe wie Prostaglandin E2, Interleukin-6, Interferon-gamma und TNF-alpha produziert, die für Entzündungen typisch sind. Dieser proinflammatorische Botenstoffmix wiederum fördert die Bildung freier Radikale, jener aggressiven Sauerstoffverbindungen, die prinzipiell jedes Gewebe schädigen können. Sieber: „Auch dieser oxidative Stress trägt vermutlich zu Alterungsvorgängen bei.“ Typische Alterskrankheiten, deren Entstehung mit dem Inflamm-Aging in Verbindung gebracht wird, sind neben der Alzheimer-Demenz auch Osteoporose, Arteriosklerose, Arthritis oder Diabetes.

Altern ist modulierbar

Wie stark sich das Zusammenspiel der Immunbotenstoffe verschiebt, ob sich die Folgen noch zu Lebzeiten klinisch bemerkbar machen und – wenn ja – an welchen Organen sie sich manifestieren – das ist zum Teil genetisch festgelegt. „Die gute Nachricht ist jedoch, dass die beim Inflamm-Aging ablaufenden Prozesse sich ganz wesentlich auch durch den Lebensstil beeinflussen lassen“, sagt Sieber, dessen ermutigendes Fazit lautet: Man kann zwar nicht verhindern, dass man altert – aber das Altern ist modulierbar.

Diagnostik und Therapie in der Geriatrie werden zudem durch andere Domänen mit beeinflusst, sagt dazu die Prof. Dr. Katrin Singler, Geriaterin an der Klinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg. „Das Stethoskop des Geriaters ist das umfangreiche Assessment“, betont die Spezialistin. Dabei könnten die Faktoren Gebrechlichkeit, Emotion und Kognition bewertet und deren Ausgeprägtheit erfasst werden. Daraus entstünden die Aspekte, die für die Therapie entscheidend seien. Am Ende aber zähle das „Wellbeing“ des Patienten, dem andere therapeutische Ansätze unterzuordnen seien. Ob dazu das Handwerkszeug bei allen Behandlern ausreichend vorhanden sei, sei nicht generell zu beantworten. Allerdings gebe es nur in drei Bundesländern die Möglichkeit, den Facharzt in Geriatrie zu absolvieren. In allen anderen Bundesländern sei dies eine Zusatzausbildung. Singler: „Der Umgang mit geriatrischen Patienten ist komplex.“ Sie regt, ebenso wie Sieber, einen longitudinalen Ausbildungsweg an – und nicht erst ab dem 8. Semester. Dass es einen enormen Nachholbedarf gibt, sei unstrittig: „Die kommenden Fachärzte werden von den Kliniken aufgesogen“, weiß Sieber.

Ein weiteres Kongressthema bildete die Robotik in der Kranken- und Altenpflege ab. Dazu erläuterte Prof. Dr. Elisabeth André, Inhaberin des Lehrstuhls für Multimodale Mensch-Technik-Interaktion am Institut für Informatik der Universität Augsburg, potenzielle und sinnvolle Einsatzgebiete auch im Rahmen der geriatrischen Versorgung. Es handele sich nicht um „Industrieroboter“: „Diese technischen Geräte sollen sozial interagieren und ganz bestimmte Funktionen in der Versorgung alter Menschen erfüllen – wie etwa das Anheben der Patienten.“

Roboter kein Menschersatz

André: „Ein Roboter kann keinen Menschen ersetzen, auch ein Haustier ist dem vorzuziehen. Allerdings: Wenn ein älterer Mensch allein zu Hause leben möchte und kann, dann ist der Roboter die bessere Alternative – zum Beispiel gegenüber dem Heim.“ Abgeschlossen sei inzwischen ein EU-Projekt im Lebensphasen-Haus in Tübingen: Die dort entwickelte Avatarin „Christina“ werde unter anderem eingesetzt, um die (fremdsprachliche) Kommunikation zwischen Alten, Pflegekräften und Angehörigen zu moderieren.