Die DGIM in den Jahren von 1933 bis 1970

Internisten in Diktatur und junger Demokratie

Internisten in Diktatur und junger Demokratie
Schunk

Im Rahmen des 124. Internistenkongresses in Mannheim stellt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) weitere Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit der Öffentlichkeit vor. Bereits im Jahr 2015 thematisierte eine Ausstellung die Rolle der Fachgesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Untersuchungen hat die DGIM gemeinsam mit Historikern nun fortgesetzt, so dass sie die Zeit von 1933 bis 1970 umfasst. Ergebnisse und eine zum 124. Internistenkongress erscheinende Veröffentlichung stellt DGIM Generalsekretär Professor Dr. med. Dr. h.c. Ulrich R. Fölsch bei der Eröffnungs-Pressekonferenz am 14. April 2018 anlässlich der Jahrestagung der DGIM vor.

2011 hatte sich die DGIM entschlossen, ein Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen, um die Rolle von Internisten in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten – die der Täter und der Opfer. „Dabei ging es von Anfang an nicht darum, einzelne Personen zu brandmarken oder pauschal zu verurteilen. Vielmehr war es die Absicht, das in den eigenen Reihen nur verschwommen erhalten gebliebene historische Wissen schärfer zu konturieren“, erklärt Professor Fölsch aus Kiel das Anliegen der Fachgesellschaft. Wunsch des Vorstands war es, Transparenz herzustellen, um zu klären, wie es passieren konnte, dass sich auch eine Fachgesellschaft wie die DGIM sehr weitgehend einem Unrechtsregime unterworfen hat.

Nachdem die Rolle der DGIM in der NS-Zeit bereits teilweise beleuchtet und diskutiert wurde, thematisiert die aktuelle Veröffentlichung nun im Detail Informationen zur Fachgesellschaft vor und während des zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren. Dazu gehören auch die Konflikte in der Aufarbeitung der NS-Zeit durch Mitglieder der DGIM bis zu den 1968er-Jahren. „Im Vorstand der DGIM war es uns ein Anliegen, es nicht bei einem Schlaglicht auf die Kriegsjahre zu belassen, sondern die bei der Fachgesellschaft liegende Verantwortung auch über die Jahrzehnte danach genau zu analysieren, durch Quellenrecherche aufzuarbeiten und für die Öffentlichkeit einsehbar zu belegen“, sagt Professor Dr. med. Cornel Sieber, Vorsitzender der DGIM und Kongresspräsident aus Nürnberg/Regensburg. Gemeinsam mit den Historikern PD Dr. Ralf Forsbach und Professor Dr. Hans-Georg Hofer veröffentlicht die DGIM das Buch „Internisten in Diktatur und junger Demokratie“ anlässlich des 124. Internistenkongresses, in dem die Autoren Erkenntnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschungen zusammenfassen und auswerten. Am 14. April 2018 wird im Rahmen des Internistenkongresses dazu auch ein Symposium mit dem Titel „Die DGIM in NS-Zeit und junger Demokratie“ stattfinden.

Konkret wirksame Konsequenzen aus Erkenntnissen über ihre Historie hat die DGIM bereits in den vergangenen Jahren gezogen: Nach den ersten Forschungsarbeiten wurde die höchste Auszeichnung der Fachgesellschaft umbenannt. Sie trägt seitdem nicht mehr den Namen des ebenfalls in das NS-Regime verstrickten Gustav von Bergmann, sondern den des jüdischen Internisten Leopold Lichtwitz. Als Bekenntnis zu ihrer historischen Verantwortung verabschiedete der Vorstand zudem eine Erklärung, in der sie betont, wie verletzlich die Errungenschaften freiheitlicher Gesellschaften sind und wie wichtig das permanente Ringen um Toleranz, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit ist. Die jetzt aufgearbeitete DGIM-Historie zeigt, wie schon Jahre vor dem Nationalsozialismus eine Verschiebung der „Grundeinstellungen“ gegenüber Juden in der Bevölkerung stattgefunden hat, so dass der Boden für die Machtergreifung der Nazis zunächst kaum merklich bereitet wurde. Entscheidend sei, so Professor Fölsch: „Am Ende müssen wir uns alle die Frage stellen, was passiert wäre, wenn wir in der damaligen Zeit gelebt hätten. Hätten wir uns durch die jahrelange ‚feine Verschiebung unserer Grundeinstellung‘ genauso verhalten wie die in dem jetzt erschienenen Buch beschriebenen Täter und Mitläufer? Hätten wir Widerstand geleistet – in welcher Form auch immer – womöglich auch unter dem Risiko massivster Repressalien der bestehenden Diktatur?“ Die Auseinandersetzung der DGIM mit der eigenen Historie solle auch heute dazu anregen, das persönliche und gesamtgesellschaftliche Handeln immer wieder aufs Neue kritisch daraufhin zu prüfen.