Internistenkongress 2016: Prof. Hasenfuß im Interview

"Innovative Verfahren können wir uns leisten"

"Innovative Verfahren können wir uns leisten"
Prof. Dr. Gerd Hasenfuß © DGIM

Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender der DGIM und diesjähriger Kongresspräsident, erklärt im Interview, vor welchen Herausforderungen die Medizin angesichts des demographischen Wandels steht und was aus der Kampagne "Klug entscheiden" geworden ist. Der Internistenkongress 2016 bietet außerdem eine Reihe von Neuerungen: Erstmals gibt es Live-Cases und einen Kurs "Kardiologie für den Generalisten".

Herr Professor Hasenfuß, der diesjährige Internistenkongress steht unter dem Leitthema "Demographischer Wandel fordert Innovation“. Wieso haben Sie sich für dieses Motto entschieden?

Wir haben es gegenwärtig mit zwei Phänomenen zu tun: Das eine ist der demografische Wandel mit seinen Implikationen, das andere die technische Revolution. Der medizinische Fortschritt führt zu einer Verlängerung der Lebenserwartung, gleichzeitig haben die älteren, multimorbiden Patienten höhere Risiken bei operativen Eingriffen. Daher sind Innovationen gefordert, die den Patienten gerecht werden. Wir benötigen neuere Verfahren mit weniger Risiken und haben durch die technische Revolution auch die Möglichkeit dazu.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Innovation?

Aus meinem Fach ist das die katheterbasierte Implantation von Herzklappen. Alte Menschen haben häufig eine Stenose der Aortenklappen und bislang kam es durch Alter und Komorbiditäten zu einer hohen Komplikationsrate und Sterblichkeit. Jetzt steht dort eine effiziente Behandlung zur Verfügung, die sehr gute Ergebnisse liefert.

Was sind angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung die größten Herausforderungen für die Medizin?

Die große Herausforderung ist es, die Therapien entsprechend der Patientensituation anzupassen. Viele Studien wurden nur mit jüngeren Patienten durchgeführt, so dass wir vielfach nicht wissen, ob die Ergebnisse auf den älteren Patienten übertragbar sind. Eine andere Herausforderung ist die Entwicklung von innovativen Verfahren, verbunden mit der Frage, ob immer alles gemacht werden muss, was machbar ist. Es geht darum, für den einzelnen Patienten die richtige Entscheidung zu treffen.

Wenn es in Zukunft viele technische Innovationen gibt, stellt sich die Frage, wie sich die Kosten im Gesundheitssystem entwickeln werden und was sich die immer älter werdende Gesellschaft leisten kann.

Es ist unklar, wohin sich die Kosten im Gesundheitssystem entwickeln werden, denn die Prognosen sind völlig unterschiedlich. Tatsache ist, dass in den vergangenen zwanzig Jahren die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen, gemessen am Bruttosozialprodukt, nicht wesentlich angestiegen sind. Eine Prognose, die mir sehr verlässlich erscheint, geht davon aus, dass mit einer jährlichen Kostensteigerungsrate von 2,2 Prozent zu rechnen ist. Ein reiches Land wie Deutschland kann und muss sich das leisten können und die Menschen wollen es sich auch leisten. Man darf dabei nicht verkennen, dass eine ähnliche Summe wie im ersten Gesundheitsmarkt, also über die Krankenversicherungen und die medizinische Versorgung, im zweiten Gesundheitsmarkt und hier insbesondere im Bereich Wellness ausgegeben wird. Einen ressourcenbewussten Umgang vorausgesetzt, sehe ich im Moment keinen Grund daran zu zweifeln, dass wir uns innovative Verfahren für Patienten, die das benötigen, leisten können.

Nicht alles was grundsätzlich medizinisch machbar ist, sollte im Einzelfall auch gemacht werden. Darauf zielt die im Vorjahr gestartete Kampagne „Klug entscheiden“ ab. Werden konkrete Empfehlungen auf dem Kongress gegeben?

Im vergangenen halben Jahr gab es mehrere Konsensuskonferenzen und nur wenn das gesamte Innere-Fächer-Spektrum zugestimmt hat, wurden die Empfehlungen auch in den Katalog aufgenommen. Insgesamt 120 Empfehlungen, für jeden Schwerpunkt fünf positive und fünf negative, wurden erarbeitet. Diese werden in vier Klug-Entscheiden-Symposien präsentiert. Eine Empfehlung ist zum Beispiel, dass eine einfache Bronchitis nicht mit Antibiotika zu behandeln ist, ebenso wenig ein Harnwegsinfekt, der keine Symptome verursacht. Eine weitere Empfehlung ist, dass eine Kranzarterienstenose, sofern keine Durchblutungsstörung vorliegt, nicht aufgeweitet werden sollte. Wir geben auch positive Empfehlungen, also was gemacht werden sollte, da kann man als Beispiel die Sporttherapie anführen.

Welche weiteren Erkenntnisse und Entwicklungen des vergangenen Jahres werden in Mannheim diskutiert?

Im vergangen Jahr ist wirklich sehr viel passiert, angefangen bei Medikamentenentwicklungen für Diabetes-Patienten, aber auch bei der Behandlung von Herzinsuffizienz sowie Leber- und Nierenerkrankungen gibt es viel zu erfahren. Alles, was auf dem internistischen Sektor neu ist sprechen wir an, natürlich auch interventionell-technische Verfahren, endoskopisch basierte, minimalinvasive Operationsverfahren in der Gastroenterologie, in der Pneumologie und in der Angiologie. Wir greifen auch das ganz wichtige Thema digitale Medizin auf.

Diverse Mobile-Health-Anwendungen, angefangen beim Fitnesstracker oder der App zur Vitaldatenmessung, versprechen einen Benefit für den Patienten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Die Menschen wollen sich vernetzen, sie haben keine Sorge, ihre Daten im Netz freizugeben. Die jüngere Generation wächst da hinein und steht Mobile Health nicht ablehnend gegenüber. Aber auch immer mehr Ältere nutzen Smartphones. Die Entwicklung ist rasant, es gibt weit über 100.000 Gesundheitsapps. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten, die Patientendaten an den Arzt zu übermitteln. Man kann heute mit Kontaktlinsen den Blutzuckergehalt messen oder mit einem Sensor komplette Herz-Kreislauf-Daten erfassen und diese dann via Smartphone an den Arzt senden. Medizinisch und ärztlich begleitet und eine Qualitätssicherung vorausgesetzt, ist das eine riesige Chance. Mobile Health wird zu einer dramatischen Veränderung in der medizinischen Versorgung führen.

Erstmals im Kongressprogramm ist Veranstaltung „Kardiologie für den Generalisten“. Was soll hier vermittelt werden?

Wer hieran teilnimmt, hat innerhalb von vier Tagen einen kompletten Überblick über die aktuelle Kardiologie – von Diagnostik bis zu Therapie. Die Crème de la Crème der Kardiologie ist vertreten, um den nicht-kardiologischen Internisten die ganze Bandbreite der Kardiologie zu vermitteln. Für die gesamte Innere Medizin gibt es außerdem wieder den „Refresher“.

Und noch eine Neuerung: Diesmal gibt es keine Plenarvorträge, sondern ein Hauptprogramm.

Richtig, die Plenarvorträge sind in eine Sitzung mit drei oder vier Vorträgen eingebunden. Sehr viele exzellente Redner sind im Hauptprogramm vertreten. Es findet ein Symposium zusammen mit der Bundesärztekammer statt, in dem es um Antibiotikaresistenzen geht, ein anderes Symposium beschäftigt sich mit dem Thema Migrationsmedizin. Neu aufgenommen ist das Thema „Sport als Therapie“ bei verschiedenen internistischen Erkrankungen. Erstmals wird es auf dem Kongress auch Live-Cases geben. Entweder per Direktübertragung oder die Aufzeichnung findet im Vorfeld statt und der Operateur erläutert auf dem Kongress anhand des Filmmaterials den Fall, die Indikation und die Nachsorge.

Mit welchen Angeboten adressiert der Kongress Medizinstudenten und Berufsanfänger?

Wir müssen alles Mögliche unternehmen, um insbesondere unseren Nachwuchs zu motivieren, in der Klinik und in der Forschung tätig zu sein. Gerade die Kombination ist für mich eine wichtige Grundlage für die klinische Weiterentwicklung. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat in den letzten Monaten ein Curriculum erarbeitet, das zuvor in Göttingen erprobt wurde, was aufzeigt, wie Weiterbildung in der Medizin und Forschung mit dem Ziel der Habilitation gestaltet werden kann. Dieses Curriculum und viele Sonderbeiträge für junge Studenten und Mediziner präsentieren wir im Forum „Chances“.

Was erhoffen Sie sich persönlich von diesem Kongress?

Ich erhoffe mir, dass die Menschen sehen, die DGIM ist hoch innovativ und geht neue Wege. Wenn die Besucher für sich einen Benefit von dem Kongress haben, die Diskussion anregend ist und sie sensibilisiert werden individuelle Behandlungsentscheidungen zu fällen und „klug zu entscheiden“, dann habe ich mein Ziel erreicht.