Individuell relevante Auslöser identifizieren

Individuell relevante Auslöser identifizieren

PD Dr. Bauer über die Sarkopenie: Von der Definition zur Therapie. Wenn es darum geht, aus der Sicht älterer Menschen die Ziele mit hoher Priorität in ihrer Lebensperspektive zu benennen, so kommt dem Erhalt der Selbstständigkeit eine deutlich größere Bedeutung zu als der Lebensdauer.

Die Autonomie im Alter ist dabei eng gekoppelt an den Erhalt der Muskelfunktion, welche durch die altersassoziierte Abnahme von Muskelmasse und Muskelkraft gefährdet ist. Letztere wird als Sarkopenie (Wortbestandteile aus dem Griechischen: Fleisch und Mangel) bezeichnet, welche als geriatrisches Syndrom betrachtet wird.

Es handelt sich dabei um ein universelles Phänomen, das bei beiden Geschlechtern bereits in mittleren Jahren beginnt, jedoch mit steigendem Lebensalter an Schwere zunimmt. Vergleicht man die Muskelmasse eines 25-Jährigen mit der eines 80-Jährigen, so ist ein Verlust von mindestens 40 Prozent zu erwarten. Im gleichen Zeitraum erfolgt in der Regel keine Ab-, sondern eine Zunahme der Gesamtkörpermasse, die mit einer deutlichen Vermehrung der Fettmasse einhergeht.

Eine signifikant größere Körpermasse muss somit von einer deutlich verminderten Muskelmasse bewegt werden. Altern bringt daher als Folge des Umbaus der Körperkomposition eine Prädisposition für Mobilitätseinbußen mit sich. Aufgrund ihrer im Verhältnis größeren Fett- und geringeren Muskelmasse sind Frauen stärker als Männer in ihrer Selbstständigkeit gefährdet. Ein unterschiedlicher Trainingszustand bedingt im Einzelfall ein günstigeres Ausgangsniveau, von dem aus der Abbau an Muskelmasse und Muskelkraft startet. Ihm entkommen kann man jedoch auch als Sportler nicht.

An der Pathophysiologie der Sarkopenie ist eine Vielzahl von ursächlichen Faktoren1 beteiligt. Neben hormonellen und neuronalen Mechanismen kommt altersassoziierten mitochondrialen Veränderungen Bedeutung zu. Ganz wesentlich modifiziert werden diese Prozesse jedoch durch das individuelle Bewegungs- und Ernährungsverhalten sowie durch akute und chronische Komorbiditäten. So führt ein Krankenhausaufenthalt, zum Beispiel im Rahmen einer Pneumoniebehandlung, bei einem hochaltrigen Menschen aufgrund der damit verbundenen Immobilität und Malnutrition häufig zu einem dauerhaften Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft. Je länger der stationäre Aufenthalt dauert, desto größer ist die individuelle Gefährdung. Um den achten Tag herum scheint eine kritische Grenze überschritten zu werden.

Moderne Sarkopeniedefinitionen basieren auf der Kombination der Muskelmasse mit einem Parameter der Muskelkraft (z. B. Handkraft) oder der Funktionalität (z. B. Ganggeschwindigkeit). Beispielhaft sei hier auf die aktuelle Europäische Definition hingewiesen2. Nach der Diagnose einer Sarkopenie gilt es, die individuell relevanten Auslöser zu identifizieren.

Liegt zum Beispiel gleichzeitig eine Malnutrition vor, so ist es für eine erfolgreiche Therapie unverzichtbar, eine ausreichende Versorgung mit Kalorien und Proteinen sicherzustellen. Gegenüber der WHO-Empfehlung von 0,8 g/kg Körpergewicht pro Tag vertritt die Mehrzahl der klinisch im Bereich von Geriatrie und Ernährung tätigen Experten eine Empfehlung von mindestens 1,0 g/kg Körpergewicht pro Tag. Gerade von gebrechlichen älteren Menschen wird diese Verzehrmenge oftmals jedoch nicht erreicht.

Um die Muskelkraft älterer Menschen zu optimieren, sollte ferner auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D geachtet werden. Als Standard der Sarkopenietherapie ist ein altersadaptiertes Krafttraining unter fachkundiger Aufsicht anzusehen, das einen relevanten Zuwachs an Muskelmasse und -kraft ermöglicht3.
Aktuell laufende Studien werden zudem zeigen, ob Nahrungssupplemente, Hormone und/oder Pharmaka helfen können, der Sarkopenie präventiv entgegenzuwirken und ihre funktionell negativen Folgen zu lindern.

1 Bauer JM, Wirth R, Volkert D, Werner H, Sieber CC; Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie im Alter – Von der Pathophysiologie zur Therapie. Ergebnisse eines internationalen Expertenmeetings der BANSS-Stiftung. Dtsch Med Wochenschr. 2008; Feb;133(7):305–10.

2 Cruz-Jentoft AJ, Baeyens JP, Bauer JM, Boirie Y, Cederholm T, Landi F, Martin FC, Michel JP, Rolland Y, Schneider SM, Topinková E, Vandewoude M, Zamboni M; European Working Group on Sarcopenia in Older People. Sarcopenia: European consensus on definition and diagnosis: Report of the European Working Group on Sarcopenia in Older People. Age Ageing. 2010 Jul;39(4): 412–23.
3 Pillard F, Laoudj-Chenivesse D, Carnac G, Mercier J, Rami J, Rivière D, Rolland Y. Physical activity and sarcopenia. Clin Geriatr Med. 2011 Aug;27(3):449–70.