Präventionsgesetz

Impfen im Alltag: Wunsch und Wirklichkeit

Impfen im Alltag: Wunsch und Wirklichkeit
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Im Jahr 2015 ist die Zahl der Masernimpfungen erstmals wieder gestiegen. Wurden 2014 noch 80 000 Dosen verabreicht, waren es 2015 mit 180 000 Dosen mehr als doppelt so viele.

Einer der Hauptgründe dafür war ein großer Masernausbruch, der in der ersten Hälfte des Jahres vor allem die Region Berlin betraf. Nachrichten, Kommentare und Diskussionen zum Thema „Impfen“ prägten in dieser Zeit die Medien und den Alltag der Bevölkerung. Mit Ausnahme von vereinzelten Nachrichten zu Influenza- und zu FSME-Impfungen ist diese primärpräventive Maßnahme 2016 wieder in den Hintergrund gerückt.

Mit dem Präventionsgesetz, das die Bundesregierung nach vielen gescheiterten Anläufen am 18.06.2015 verabschiedet hat und das seit Anfang diesen Jahres in Kraft getreten ist, sollen viele Hürden, die dem Impfen entgegenstehen, aus dem Weg geräumt werden. „Es geht darum, Krankheiten zu vermeiden, bevor sie überhaupt entstehen. Das gilt für jeden Einzelnen, ist aber genauso ein Anspruch an all diejenigen, die für die Gesundheit anderer mit Verantwortung tragen – in Kitas, Schulen, am Arbeitsplatz oder im Pflegeheim“, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe anlässlich des Gesetzentwurfs Ende 2014.

Präventionsgesetz: Auswirkungen in der Praxis kaum zu spüren

Das Präventionsgesetz soll unter anderem ermöglichen, dass Arztbesuche häufiger zur Kontrolle und gegebenenfalls zur Auffrischung des Impfstatus genutzt werden. Doch in der Praxis ist davon kaum etwas zu spüren. Ein Pädiater kann den Arztbesuch eines Kindes weiterhin nicht nutzen, um auch die Eltern zu impfen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

Auch der Frauenarzt darf den begleitenden Ehemann nicht immunisieren und die Leistung abrechnen. Dabei sollte nach Vorgabe des Präventionsgesetzes eigentlich jede Gelegenheit genutzt werden, um den Impfstatus zu verbessen. Zu viele Chancen werden vergeben, die Impfquoten zu erhöhen.

Insbesondere in Zeiten eines großen Flüchtlingzustroms kann sich nach Ansicht der Infektiologen eine Gesellschaft solche Nachlässigkeiten nicht erlauben. Denn: Schon der große Masernausbruch in Berlin nahm seinen Anfang unter Flüchtlingen aus dem Balkan und breitete sich danach innerhalb  der Bevölkerung aus.

Lieferengpässe bei Impfstoffen

Ein weiteres großes Problem liegt derzeit in Lieferengpässen von Impfstoffen. 17 Impfstoffe in verschiedenen Darreichungsformen sind laut einer Liste des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) momentan nicht lieferbar (Stand: März 2016), teilweise bis zum kommenden Jahr. Weitere sieben sind in einzelnen Verpackungsgrößen nicht vorhanden. Nicht alle Präparate sind problemlos zu ersetzen.

Problematisch ist ebenfalls, dass viele Impfungen nicht nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführt werden, sondern in vielen Fällen zu spät vorgenommen werden. Das betrifft praktisch alle Impfindikationen, ist aber regional sehr unterschiedlich.

HPV-Impfung zu selten durchgeführt

Ein extremes Beispiel ist die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV). Die STIKO empfiehlt, dass die Impfung im Alter zwischen neun und 14 Jahren durchgeführt wird. In einer Untersuchung des RKI in Zusammenarbeit mit den kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zeigte sich jedoch, dass im Jahr 2013 bundesweit weniger als ein Prozent der zwölfjährigen Mädchen alle drei erforderlichen Immunisierungen erhalten haben. Der Anteil steigt zwar linear mit dem Alter, unter den 17-jährigen lag er aber immer noch bei nur rund 40 Prozent. Die Impfung sollte laut STIKO-Empfehlung spätestens mit dem vollendeten 18. Lebensjahr abgeschlossen sein.

Podiumsteilnehmer und Nobelpreisträger Harald zur Hausen kritisiert das verschwendete Potenzial der Impfung: „Die Hauptursache dafür ist sicherlich, dass Ärzte, medizinisches Personal und Gesundheitspolitiker, aber auch die Kinder und ihre Lehrer und Eltern, nicht genügend über die sehr hohe Wirksamkeit und Sicherheit der HPV-Impfung informiert sind“, erläuterte der Mediziner, der mit seiner Forschung den Zusammenhang zwischen Viren und Gebärmutterhalskrebs nachweisen konnte und damit die Grundlage zur Entwicklung eines HPV-Impfstoffs gelegt hatte, in einer Publikation des DKFZ. Um die Impfquote zu erhöhen, seien Schulprogramme sinnvoll: „Das machen uns beispielsweise die Briten und Australier vor, dort erreichen die Impfraten über 80 Prozent.“

Modellprojekt an hessischen Schulen

In Hessen hat ein Modellprojekt an Schulen gestartet, um die Impfbeteiligung zu erhöhen. Bei Elternabenden an sechs Schulen informierten Fachärzte ausführlich über die HPV-Impfung. Ein weiterer zentraler Baustein des Modellvorhabens ist das Angebot einer freiwilligen Schulimpfung: Auf Wunsch der Eltern können Schülerinnen der vierten Klasse bei einem Impftag vor Ort an der Grundschule von einem der beteiligten Fachärzte gegen HPV geimpft werden. Mit diesem und anderen Projekten soll die Impfrate bei neun- bis 14-jährigen in Hessen erhöht werden. Von derzeit 22 Prozent auf 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Auch dann wäre es noch ein weiter Weg, bis die Impfung wirklich im Alltag angekommen wäre.