Prof. Cornel Sieber zu den Themen der DGIM-Jahrestagung

Große Unterstützung für den Facharzt Infektiologie

Große Unterstützung für den Facharzt Infektiologie
Prof. Cornel C. Sieber photernity.de/DGIM

Der Schweizer Geriater Cornel Sieber leitet den 124. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim. Im Interview mit MOC DGIM spricht er über die thematischen Schwerpunkte der Jahrestagung und nennt seine persönlichen Highlights.

MOC: Herr Professor Sieber, die 124. Jahrestagung der DGIM steht unter dem Motto „Innere Medizin – Medizin für den ganzen Menschen“. Warum haben Sie sich für diesen holistischen Zugang entschieden?
Sieber:
Zum einen habe ich dieses Motto gewählt, weil es ein Zitat von Professor Walter Siegenthaler ist, der auch als Schweizer einmal der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin war, ein paar Jahre in Bonn gearbeitet hat und dann in Zürich tätig war. Das war der Aufhänger, weil ich wohl der zweite Schweizer bin, der Vorsitzender der DGIM sein darf. Aber es passt natürlich auch zusätzlich sehr gut zu meinem Schwerpunkt, der die Altersmedizin, die Geriatrie, ist.

Ich betreue nicht nur hoch betagte Menschen, die mehrere, meist chronische Krankheiten parallel haben. Es gibt weitere Unterschiede, zum Beispiel zu einem Fünfzigjährigen, der nur eine Diagnose hat, wie eine Hypertonie, ein Diabetes oder eine rheumatische Krankheit. Die vielen Krankheiten, die ältere Menschen häufig haben, führen dazu, dass diese Patienten immer auch in der eigenen Funktionalität und damit Selbstständigkeit eingeschränkt sind und das überschreitet die Organ-Grenzen. Ich muss also häufig holistisch denken, da ich nicht nur ein Organ betreuen kann, weil es eben multiple sind, die betroffen sind.

Als zweiter Faktor besteht immer die Gefahr, dass dieser Mensch die Selbstständigkeit verliert. Dazu kommen natürlich psychische Komponenten. Das Durchschnittsalter bei uns in der Aktugeriatrie beträgt aktuell 84 Jahre. Ein Drittel meiner Patienten haben innerhalb ihrer Multimorbidität kognitive Störungen, z.B. eine Demenz oder eine Depression. Und dann kommt der soziale Aspekt hinzu: Wenn es auf eine Entlassung zuläuft, kann ich mich nicht nur fragen, ob ich das akute Problem gelöst habe, sondern sollte mich auch fragen: Wie sieht es aus, wenn dieser Mensch jetzt wieder nach Hause geht? Braucht er einen ambulanten Dienst? Kann er überhaupt noch ins häusliche Umfeld zurück? Aufgrund dieses holistischen Ansatzes habe ich das Motto für die Jahrestagung gewählt.

MOC: Kommen wir zu dem Thema Demografischer Wandel. Diesen sehen Sie auch als demografische Chance. Was meinen Sie damit genau? Und was sind in diesem Zusammenhang die negativen Implikationen der Entwicklungen in den vergangenen Jahren?
Sieber:
Der Demografische Wandel bedeutet grundsätzlich, dass wir immer mehr ältere Menschen in unserer Gesellschaft haben. Das ist aber nicht alles, sonst könnten wir uns einfach darüber freuen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung steigt. Wir haben parallel dazu auch eine geringere Natalität, das heißt, Frauen im gebärfähigen Alter haben weniger Kinder. Das hat sich schon 1972 gekreuzt. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, dass mehr Leute in Deutschland sterben als geboren werden. Was bedeutet, dass – die Immigration ausgeklammert – seit 1972 die Bevölkerung in Deutschland abnimmt. Und das ist mit dem Demografischen Wandel gemeint.

Lange Zeit wurde nicht sehr viel darüber gesprochen, heute hört man fast keine politische Rede mehr, in der das kein Thema ist, fast so, wie die Digitalisierung. Ich sage deshalb auch Demografische Chance, damit man von dem aktuell verwendeten Begriff wegkommt. Demografische Chance, weil es eben auch eine Chance darstellt, dass der Großteil von uns betagt oder hochbetagt werden darf.

Negative Implikationen hat das primär erstmal nicht. Der Medizin allgemein und speziell uns Geriatern wird oft zum Vorwurf gemacht, dass wir den Menschen nicht nur helfen, immer länger zu leben, sondern zusätzlich auch die Zeit verlängern, die sie mit funktionellen Einschränkungen verbringen. Dies ist jedoch nicht der Fall, man nennt dies die Kompression der Morbidität. Wir können nachweisen, dass diese Zeit, in der Menschen mit Einschränkungen zu kämpfen haben, in Bezug auf alle Menschen parallel zur Zunahme der mittleren Lebenserwartung, kürzer wird. Hierbei gibt es natürlich auch betroffene Menschen, auf die dies nicht so anwendbar ist. Insgesamt kann man jedoch resümieren: wir leben länger und wir leben länger besser.

Was ist also der negative Aspekt? Wir leben, nicht nur in Deutschland, in einer jugendverliebten Welt, was eigentlich seit der Antike der Fall ist. Alt sein war nie wirklich "trendy". Dies führt natürlich auch zur Ausgrenzung älterer Menschen, was zu den drei ISM's gehört: Racism, Sexism und Ageism. Ageism bedeutet in Bezug auf die Medizin das Ausgrenzen älterer Menschen aus Diagnostik und Therapie. Ein Wort, was ich überhaupt nicht gerne höre ist die Überalterung der Gesellschaft, was eine ethische Wertung ist, dass es zu viele ältere Menschen gäbe, was ich überhaupt nicht so sehe.

MOC: Was bedeutet die Entwicklung, die Sie soeben geschildert haben, für die Zusammenarbeit zwischen Innerer Medizin und Neurologie, vor allem aus Ihrer Sicht als Geriater?
Sieber:
Das habe ich zu einem Schwerpunkt gemacht, was zugegeben auch aus einer Erfahrung als zugereister Schweizer entstanden ist. Denn wir haben in der Schweiz diese Trennung nicht in dieser Ausprägung. Das beginnt bereits bei einem der häufigsten Probleme des älteren Menschen, dem Schlaganfall. Der Schlaganfall mit den neurologischen Auswirkungen ist ein neurologisches Problem. Die Ursachen für einen Schlaganfall, also häufig das Vorhofflimmern, ist jedoch ganz klar eine Problematik, die aus der Inneren Medizin kommt. Weshalb ich gewohnt war, dass die beiden Fächer sehr viel näher beieinander arbeiten.

Man muss allerdings auch beachten, dass sich historisch in Deutschland die Neurologie aus der Inneren Medizin circa 1920 entwickelt hat. Zu dem Zeitpunkt hat sich die Deutsche Gesellschaft für Neurologie von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin abgespalten. Was sicherlich in vielen Bereichen auch seine Sinnhaftigkeit hat mit spezifischer Diagnostik und vor allem auch Therapie, zum Beispiel bei Krankheiten wie Multiple Sklerose, die natürlich auch viele jüngere Menschen betrifft. Wo die enge Zusammenarbeit allerdings ganz wichtig ist, ist im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen, sprich der Demenz, und das geht meiner Meinung nach nur in der Zusammenarbeit zwischen Innerer Medizin und Neurologie.

Dies ist natürlich von Land zu Land verschieden und es lässt sich unterschiedlich organisieren. In der Schweiz sind beispielsweise die Memory Kliniken / Gedächtnis Kliniken alle in den Geriatrien angesiedelt. Deshalb ist es mir als Vorsitzender der DGIM wichtig, dass aufgezeigt wird, wie wichtig die Zusammenarbeit dieser beiden Gruppen ist. Schon seit der Antike ist die Redewendung „Mens sana in corpore sano“ („Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“) bekannt, denn wenn Sie keinen gesunden Körper haben, werden Sie mittelfristig auch Probleme mit ihrem Geist kriegen.

MOC: Ihre Vorgängerin, Frau Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, wird nun auf dem Kongress zwei Sessions zum „Klinik Codex“ leiten. Blicken Sie bezüglich des Konflikts zwischen Patientenwohl und ökonomischen Anforderungen positiv in die Zukunft?
Sieber:
Ich würde sagen: verhalten positiv. Die Kritik, dass das Gesundheitswesen zu teuer sei, kenne ich bereits seit dem Beginn meines Medizinstudiums. Da gab es solche merkwürdigen Begriffe wie „Explosion der Kosten im Gesundheitswesens“ und ähnliche Wendungen, die man eigentlich nicht wirklich konkret fassen kann.

Was ich sicherlich wichtig finde, ist ein Aspekt, den Prof. Schumm-Draeger angerissen hat, und der auch die DGIM in Zukunft weiter beschäftigen wird: die Forschung und die Lehre. Nimmt man Fächer, die schlecht vergütet sind, wie Onkologie, Diabetologie und Endokrinologie in stationärem Setting, die alle in die Ambulanzen gehen, frage ich mich, wo findet die Weiterbildung für unsere jüngeren Kollegen und Kolleginnen in der Breite der ganzen Fächer statt? Damit sie auch in zehn, fünfzehn Jahren, wenn die nächste Welle der Ärzte kommt, die die Menschen betreuen werden, diese Weiterbildung erhalten können. Darauf ist das System momentan nicht vorbereitet. Die Curricula müssten vollkommen umgeschrieben werden. Es gibt in allen Fächern zusätzlich seltenere Erkrankungen, die einen wichtigen Teil dieses Schwerpunktes bilden, weshalb wir dieses Fachwissen in der Breite der Inneren Medizin brauchen. In diesem Punkt habe ich wirklich Bedenken.

MOC: Ein weiteres Hauptthema der Jahrestagung sind in diesem Jahr Bakterien, Viren und Co. Was sind hier die großen Herausforderungen? Und was halten Sie in diesem Zusammenhang von den Forderungen nach einem eigenen Facharzt für Infektiologie?
Sieber:
Die Frage der Infektiologie hat in den vergangenen Jahren wieder an Brisanz gewonnen. Infektionskrankheiten, gegen die man keine Mittel hat, verbinden die Menschen seit Jahrhunderten mit Ängsten. Da jetzt gerade wieder eine Grippewelle kommt, denken wir zurück an die großen Grippeepidemien – beispielsweise die Spanische Grippe – die insgesamt mehr Menschen das Leben gekostet hat als der gesamte erste Weltkrieg. Dieses Thema und diese Ängste sind fest in unserem Bewusstsein verankert.

Hinzu kommt die Frage der Hygiene und der "Problemkeime". Das sind Keime, die aufgrund zu breiter Antibiotikaverabreichungen bei nicht immer gegebener Notwendigkeit multiresistent sind. Wir sollten uns in Europa im Bereich Hygiene in den Krankenhäusern besser aufstellen. Damit vergisst man, dass das nur ein Teil der Infektiologie ist. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der es viel mehr Mobilität gibt. Die Menschen reisen viel mehr und auch ältere Menschen reisen deutlich mehr als früher. Zusätzlich haben wir mehr Immigration, wodurch das Spektrum der Keime, mit dem wir konfrontiert werden, größer geworden ist. Weshalb ich einen Facharzt absolut propagiere, hängt auch wieder von meiner Herkunft ab, da es in der Schweiz seit Jahren einen Facharzt gibt.

In einem größeren Krankenhaus oder einer Universitätsklinik in der Schweiz war es nie eine Frage, dass man eine ganz starke klinische Infektiologie hat. Es war in meiner gesamten Ausbildungszeit immer ein riesiger Gewinn. Denken Sie einmal an immunkomprimierte Patienten mit schwierigen Infekten, denken Sie an Menschen, die Infekte haben an Implantaten, nicht der Erstinfekt, sondern der Zweite. Wir sprechen hier nicht von der Behandlung einer einfachen Lungenentzündung und dazu brauchen wir Spezialwissen und deshalb auch einen Facharzt.

Es ist ein typisches Querschnittsfach, das in ganz vielen Bereichen einer stationären Versorgung einfach ihr Wissen einbringen muss. Diese Menschen werden sicherlich primär in den Krankenhäusern arbeiten und nicht im ambulanten Bereich. Aber insgesamt unterstütze ich einen Facharzt in Infektiologie sehr stark. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich neben der Altersmedizin, worauf sich meine Forschung bezieht  – primär der Bereich Funktionalität, und hier die Mangelernährung – die Infektiologie auf dem diesjährigen Kongress als einen der Schwerpunkte haben wollte.

MOC: Was ist für Sie persönlich das Highlight des Kongresses? Und was erhoffen Sie sich insgesamt von der Jahrestagung 2018?
Sieber:
Ich denke, dass jeder Vorsitzende der DGIM eine gewisse Tendenz aufgrund seiner fachlichen Herkunft hat. Ich bin der erste Geriater, der je Vorsitzender der DGIM sein durfte und das erst im 124. Jahr. Also hoffe ich, dass das Hervorheben der Geriatrie als Fach, die in Deutschland akademisch nicht übervertreten ist, ein Highlight in diesem Jahr sein wird. Dazu gehört die Multimorbidität und damit verbunden die Polypharmazie, der Umgang mit Komplexität, die Priorisierung und auch das Überschreiten der eigenen Fachgrenzen, also nicht nur in die Schwerpunkte hinein, sondern auch in andere Berufsgruppen. Hier nenne ich besonders auch die Pflege und die Akademisierung in der Pflege, was hoffentlich auch als Highlight genügend Beachtung erfahren wird auf dem Kongress. Zusätzlich ist auch der Bereich Ernährung sehr wichtig, wozu nicht nur Übergewicht, sondern auch Mangelernährung bei älteren Menschen gehört.

Ein weiteres großes Anliegen, auch über den Kongress hinaus, ist mir der Nachwuchs. Wir haben in enger Zusammenarbeit mit den jüngeren Kollegen und Kolleginnen das Projekt „Chances“ umbenannt in „Forum Junge Internisten“ und junge Internisten sind bei diesem Kongress schon ganz zu Beginn stark in die Programmgestaltung eingebunden. Ich hoffe, dass auch die jüngeren Kongressteilnehmer/innen, die nicht direkt auf der Bühne sind, die DGIM als eine Gesellschaft für die Jüngeren für die Zukunft wahrnehmen.