Präventiver Hausbesuch und hausärztliches Assessment

Geriatrisches Assessment in der Hausarztpraxis

Geriatrisches Assessment in der Hausarztpraxis
PD Dr. med. Ulrike Junius-Walker Foto: privat

Das umfassende geriatrische Assessment (CGA) ist eine standardisierte Befragung und Untersuchung zu Gesundheitsproblemen im Alter. Es dient einer ganzheitlichen Behandlungsplanung und befasst sich mit somatischen, funktionellen, psychischen, mentalen und sozialen Problemen und Ressourcen.

Weil sich das CGA in der stationären Versorgung als erfolgreich herausgestellt hat, ist es in die ambulante Versorgung transferiert worden. Dabei haben sich zwei Verfahren herausgebildet: der Präventive Hausbesuch und das  Hausärztliche Assessment. Ein Beispiel für ein hausärztliches Assessment ist „STEP“. Es wurde in einem EU-Projekt entwickelt und beinhaltet Fragen und Tests zu 44 häufigen und relevanten Gesundheits­problemen ambulant lebender älterer Patienten (Abbildung 1).

Fragestellungen: 1) Wie effektiv ist ein CGA in der ambulanten Versorgung? 2) Wird es patienten- und arztseitig akzeptiert? 3) Inwiefern muss ein CGA den ambulanten Bedingungen angepasst werden? 4) Inwieweit ist ein hausärztliches Assessment inzwischen etabliert?

Methoden: Zur Anwendung kamen: eine kritische Ergebnisextraktion aus Meta-Analysen zum Nutzen ambulanter CGA-Studien, Umfrageergebnisse zur Machbarkeit und Akzeptanz, eine Analyse zu Kontextfaktoren des CGA in der ambulanten Versorgung sowie eine  aktuelle Umfrage zum hausärztlich geriatrischen Basisassessment der Regelversorgung. 

Hausärztliches Assessment: nützlich, aber zeitaufwändig

Ergebnisse: Insgesamt zeigen sich für ein ambulantes CGA geringere positive Effekte als im stationären Bereich, zusätzlich sind die Studien und Ergebnisse sehr heterogen.  Aus Patientensicht erweist sich das hausärztliche Assessment (am Beispiel von STEP) als weit überwiegend nützlich. Hausärzte finden STEP ebenfalls nützlich, weil es z.B. einen guten Gesundheitsüberblick gewährt und unerkannte Probleme aufdecken kann. Es ist jedoch zu zeitaufwändig. Weitere Hemmnisse für den Einsatz liegen in den fehlenden (rehabilitativen) Behandlungsmöglichkeiten im Team sowie in der langfristigen Patientenbetreuung, die meisten Problemesind vorbekannt. Inzwischen ist das „kurze“ Geriatrische Basisassessment in der Praxis abrechenbar. Es beschränkt sich auf wenige relevante funktionelle Altersprobleme, steckt in seiner Anwendung jedoch noch in den Kinderschuhen.

Fazit: das hausärztliche Assessment befindet sich im Fluss. Derzeit werden Lösungen zur Optimierung erarbeitet. Viel schwieriger dürfte es jedoch sein, für im Assessment auffällige Patienten gute multiprofessionelle Behandlungskonzepte in der ambulanten Versorgung vorzuhalten. 

PD Dr. med. Ulrike Junius-Walker studierte Medizin in Göttingen (1986-92) und erhielt 1997 den Facharzt für Allgemeinmedizin. Sie ist stellvertretende Leiterin und Forschungskoordinatorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Unter ihrer Federführung wurde die Arbeitsgruppe „Gesundheit im Alter“ ausgebaut. Zu diesem Thema hat sie mehrere öffentlich geförderte Studien der Versorgungsforschung (BMBF, Europäische Kommission) geleitet. Ihre Forschungsarbeiten fanden im Forschungspreis für Allgemeinmedizin, Dr. Lothar Beyer, und den Bad Kissinger Parkwohnstift-Preis für Gerontologie Anerkennung.