Frühes Risiko durch negative Umwelteinflüsse

Frühes Risiko durch negative Umwelteinflüsse

Prof. Egle: Anfälligkeit für psychische Probleme entwickelt sich in der Kindheit.

Eine sichere Bindung ist eines der Grundbedürfnisse junger Kinder. Auf der DGIM-Tagung brachte Prof. Ulrich T. Egle frühe Einflussfaktoren auch mit psychischen Erkrankungen wie dem Burnout-Syndrom in Verbindung.

Die Beantwortung des genetisch determinierten Bindungsbedürfnisses durch unsere Hauptbezugspersonen in der frühen Kindheit entscheidet lebenslang ganz wesentlich über unsere Empathiefähigkeit sowie über unsere Stressvulnerabilität. In den letzten Jahren konnten laut Egle zugrundeliegende epigenetische und neurobiologische Mechanismen entschlüsselt werden. Durch diese Erkenntnisse konnte zum Beispiel festgestellt werden, dass das Ausmaß der Exprimierung von Glukokortikoid-Rezeptoren im Gehirn und von Oxytocin darüber determiniert ist. „Je mehr wir davon haben, desto stressunempfindlicher sind wir“, stellte Egle fest. Zusätzlich könne die Empathiefähigkeit durch weitere frühe Umweltbedingungen wie Misshandlung, sexueller Missbrauch oder emotionale Vernachlässigung neurobiologisch eingeschränkt werden, da es durch eine erhöhte Ausschüttung von Cortisol zur Schädigung bestimmter Hirnbereiche (vorderer Gyrus cinguli, Präfrontalkortex) kommen könne, die für Empathiefähigkeit und Stressregulation bedeutsam sind. „Diese frühen Prägungen beeinflussen bei Arzt wie Patient ganz wesentlich die Art ihrer Beziehungsgestaltung. Schließlich ist auch der Arzt nur ein Mensch, der in seiner Entwicklung den gleichen Umständen ausgesetzt ist, wie jeder Patient“, sagte Egle.

Grundbedürfnis der sicheren Bindung im Kindesalter

Grundbedürfnis der sicheren Bindung im Kindesalter

Parallel dazu gebe es auch Auswirkungen auf der Verhaltensebene. Durch die „Verletzung“ des kind¬lichen Grundbedürfnisses nach sicherer Bindung entwickelten sich unreife Konfliktbewältigungsstrategien im Alltag und häufig eine Dysbalance bei der Umsetzung der anderen psychischen Grundbedürfnisse wie Kontrolle, Selbstwert, Spaß und Freude. Ein überzogenes Kontrollverhalten („Perfektionismus) und/oder die permanente Suche nach Anerkennung und Erfolg zur Stabilisierung eines labilen Selbstwertgefühls führten zu „hausgemachtem“ Stress und beinhalteten über die Zeit das Risiko einer anhaltenden Selbstüberforderung. „Kommen seitens des Arztes dann noch erhöhte äußere Anforderungen hinzu, wie beispielsweise die Betreuung einer größeren Anzahl chronisch Kranker oder auch der zunehmende Kosten- und Renditedruck in den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens, der einer patientenzentrierten Medizin oft im Wege steht, so kann dies eine Burnout-Symptomatik auslösen“, erklärte Egle. Um die erhöhte Stressvulnerabilität zu kompensieren, entwickelten sich häufig Risikoverhaltensweisen wie zum Beispiel Alkohol- oder Drogenmissbrauch, die das Risiko für bestimmte internistische Erkrankungen um das Zwei- bis Vierfache steigerten und darüber zu einer deutlich reduzierten Lebenserwartung führten (vgl. Abb. 1). Es gebe daher einige Überlegungen zur stressbezogenen Primär- und Sekundärprävention für Ärzte. Diese könnten sich in Zukunft ganze Stellen teilen und sollten freie Tage definitiv tatsächlich als solche nutzen – ansonsten führe die heutige Belastung früher oder später zu gesundheitlichen Problemen.