Ältere Menschen in Leitlinien inadäquat berücksichtigt

Evidenzbasierte Medizin an ihren Grenzen?

Evidenzbasierte Medizin an ihren Grenzen?
drubig-photo - Fotolia

„Alte Patienten sind oft chronisch krank und leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Die Ergebnisse aus klinischen Studien einfach auf alte Patienten zu übertragen, ist deshalb meist nicht wissenschaftlich fundiert, ja möglicherweise sogar riskant“, erklärt Professor Dr. Cornel Sieber, Vorsitzender der DGIM.

Ärzte orientieren sich bei der Behandlung ihrer Patienten an „evidenzbasierten Leitlinien“. Unter evidenzbasierter Medizin (EBM)* versteht man die Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Therapie einzelner Patienten, nebst der Erfahrung des behandelnden Arztes und den Bedürfnissen des Patienten. Die Erkenntnisse stammen aus wissenschaftlichen Studien. Denn bevor ein Arzneimittel zugelassen werden kann, müssen dessen Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien bewiesen werden. Diese Studien werden aber meist an Patienten mittleren Alters durchgeführt, die genau an der Krankheit leiden, gegen die sich das Mittel richtet – sie sind also auf eine sogenannte Monopathologie ausgerichtet. „Alte Patienten sind jedoch oft chronisch krank und leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Die Ergebnisse aus klinischen Studien einfach auf alte Patienten zu übertragen, ist deshalb meist nicht wissenschaftlich fundiert, ja möglicherweise sogar riskant“, erklärt Dr. Cornel Sieber, Vorsitzender der DGIM.

Aus den gewonnen Daten werden Leitlinien – Handlungsempfehlungen für Ärzte – abgeleitet. „Die Leitlinien gehen auf die speziellen Bedürfnisse alter Menschen aber häufig gar nicht ein. Wir Ärzte haben deshalb bei einer parallel bestehenden Multimorbidität meist keine fundierten wissenschaftlichen Grundlagen für eine evidenzbasierte Versorgung alter Menschen“, betont Sieber, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, der als Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin – Geriatrie auch das Institut für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in Nürnberg leitet. Die Gruppe der alten Menschen ist sehr heterogen, viele nehmen mehrere Medikamente ein, die miteinander interagieren können.

Unterschiedliche Behandlungsziele

Auch die Behandlungsziele alter Menschen unterscheiden sich von denen jüngerer: Bei ihnen steht aufgrund der verbleibenden Lebenszeit oft nicht die Heilung, sondern Selbständigkeit und Lebensqualität trotz diverser Krankheiten im Vordergrund. „Dass alte Menschen mit mehreren Krankheiten eine spezielle Diagnostik und Therapie brauchen, muss auch seinen Niederschlag in der Aus-, Fort- und Weiterbildung des medizinischen Personals finden,“ sagt Sieber. Entscheidend sei darüber hinaus die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen bei der ärztlichen Behandlung älterer Menschen – ein sogenanntes geriatrisches multidisziplinäres Team, beispielsweise mit der Pflege und Physiotherapie.

Durch die demografische Entwicklung in Deutschland werden spezifische Herausforderungen an das Gesundheitssystem immer stärker. Unsere Gesellschaft wird in den kommenden Jahren aus immer mehr alten Menschen bestehen, deren wissenschaftlich fundierte Versorgung gesichert werden muss. „Bei der Zulassung von Medikamenten muss die besondere Situation von alten Patienten berücksichtigt werden“, fordert Sieber. „Wir brauchen eine intensivere altersmedizinische Forschung, um auch alte Patienten nach evidenzbasierten Maßstäben – wohl in adaptierter Form – behandeln zu können.“

*Evidenzbasierte Medizin nach Definition von David Sackett