Endokrine Notfälle – Tipps für die Klinik und die Ersttherapie

Endokrine Notfälle – Tipps für die Klinik und die Ersttherapie
PD Dr. Konrad Ludwig Streetz Foto: Schunk

Eine exakte präklinische Diagnose schwerer symptomatischer endokrinologischer Störungen ist oft unmöglich, sie sollten aber immer in Betracht gezogen werden, betonte PD Dr. Konrad Ludwig Streetz.

Notfälle im endokrinen System entstehen durch Exzess oder Mangel eines oder mehrerer Hormone. Aber auch Veränderungen der Hormonhomöostase des menschlichen Körpers können entscheidenden Einfluss haben. Die Notfallbehandlung endokriner Störungen gestaltet sich jedoch schwierig. Oft ist dabei erst eine weiterführende Labordiagnostik richtungweisend – was auch einen Zeitverlust bedeutet. Zu den häufigsten Störungen zählen Blutzuckerentgleisungen, Fehlfunktionen der Schilddrüse sowie Funktionsstörungen der Nebenniere. Darüber hinaus können Elektrolytstörungen im Na+- und Ca2+-Haushalt zu lebensbedrohlichen Störungen führen.

Beim M. Addison besteht eine Unterversorgung mit Kortisol und Aldosteron (Mineralokortikoidmangel), eine der schwersten Formen einer Nebennierenrindeninsuffizienz. Besonders gefährdet sind Patienten mit einer NNRI in Stress- und Infektsituationen. Typische vegetative Symptome sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Auch arterielle Hypotonie, Bewusstseinsstörungen und in der Endphase komatöse Zustände können auftreten.

Präklinische Diagnose

Eine präklinische Diagnose erfolgt meist nur anhand der Anamnese. Laborchemisch fallen dann zusätzlich Elektrolytstörungen in Form einer Hyponatriämie und Hyperkaliämie (bei zusätzlicher Mineralokortikoiddefizienz) auf.

Die thyreotoxische Krise entsteht infolge einer Hyperthyreose. Diese basieren entweder auf einer Auto‧immunthyreopathie (M. Basedow) oder einer funktionellen Autonomie. Symptome sind Unruhe, Nervosität, Zittern und Schlaflosigkeit. Zudem dominieren vermehrtes Schwitzen, Gewichtsabnahme und Haarausfall. Sie ist lebensbedrohlich (Mortalität bis zu 50 Prozent). Sie entwickelt sich immer auf dem Boden einer vorbestehenden subklinischen Hyperthyreose. Typische Auslöser sind vermehrte Jodaufnahme (z. B. Röntgenkontrastmittel, Amiodaron), Exsikkose oder gar Traumata und Manipulationen im Halsbereich. Typische Symptome sind eine Tachykardie (bis 160/min), Fieber bis 41 Grad Celsius und starkes Schwitzen. Bei schwerer Hyperthyreose müssen neben den Schilddrüsenhormonen fT3 und fT4 immer die TSH-Rezeptorantikörper (TRAK) zum Ausschluss eines M. Basedow bestimmt werden.

Hypothyreote Koma

Das hypothyreote Koma (Myxödemkoma) gilt als schwerste klinische Form der Schilddrüsenunterfunktion. Symptome sind Frieren, Leistungsschwäche, nachlassendes Gedächtnis, Muskelkrämpfe und Obstipation. Weiterhin kommt es zu Bradykardien, Hypotonien, gastrointestinalen Symptomen bis hin zu Ileuszuständen. Bei voller Ausprägung stellt sich ein Myxödem ein. Charakteristisch ist eine teigige, geschwollene Haut. Therapeutisch wirksam ist die intravenöse Infusion von L-Thyroxin (200 µg) möglichst verbunden mit der gleichzeitigen Gabe von Hydrokortison (200 mg).

Die akute schwere Hyperkalzämie gilt als Chamäleon endokriner Störungen mit mannigfaltigen und sehr unspezifischen Symptomen. Dazu zählen unspezifische Allgemeinsymptome wie Adynamie, Müdigkeit, Durst, Exsikkose, Gewichtsverlust und Schlafstörungen sowie organspezifische Symptome, die das Nervensystem, die Nieren, den Gastrointestinaltrakt, das kardiovaskuläre System und das muskulo-skelettale System betreffen. Häufigste Ursachen der schweren Hyperkalzämie sind der primäre Hyperparathyreoidismus (pHPT) und eine Tumor-bedingte Hyperkalzämie. Andere Ursachen sind granulomatöse Erkrankungen oder Medikamentennebenwirkungen (Vitamin-D-Überdosierung). Man spricht von der hyperkalzämischen Krise, wenn es daneben im Serum zu weiteren Organbeteiligungen oder Ausfällen kommt. Häufig sind dies akutes Nierenversagen und neurologische Symptome bis hin zum Koma.

Zusammengefasst ist eine exakte präklinische Diagnose schwerer symptomatischer endokrinologischer Störungen häufig nicht möglich. Daher muss die initiale Therapie oft symptomorientiert bleiben. (sk)