Ein faszinierendes Forschungsgebiet

Ein faszinierendes Forschungsgebiet
Univ.-Prof. Dr. Herbert Tilg

Prof. Dr. Herbert Tilg erklärt, welche Rolle die Mikrobiota bei der Entstehung von Adipositas und Typ 2 Diabetes möglicherweise spielt.

Der menschliche Gastrointestinaltrakt beherbergt eine sehr komplexe Mikrobenwelt, die sich aus mindestens 1014 Bakterien, Phagen und Viren zusammensetzt. Diese Mikroorganismen generieren eine Biomasse von ca. 1,5 kg und beinhalten ein Genom (=Mikrobiom), das 100 Mal dem des menschlichen Genoms entspricht. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass dieses Mikrobiom viele Stoffwechselfunktionen sowohl in Gesundheit als auch Krankheit beeinflusst.

Nachdem zahlreiche Studien bei Adipositas bereits einen Zusammenhang zwischen Mikrobiota und Übergewicht gezeigt hatten, wurden in dieser Hinsicht zuletzt zwei Arbeiten in Nature veröffentlicht. Eine erste metagenom-weite Assoziationsstudie aus China zeigte, dass Typ 2 Diabetespatienten eine intestinale Dysbiose aufweisen, charakterisiert durch eine verminderte Anzahl von butyrat-produzierenden Keimen wie Roseburia intestinalis und Facealibacterium prausnitzii.

Dieser „Phäntoyp“ war begleitet von der Tatsache, dass in dieser veränderten Mikrobiota vermehrt oxidativer Stress vorlag, passend zu vermehrter systemischer Entzündung bei Typ 2 Diabetes. Eine Studie aus Skandinavien zeigte zwar etwas unterschiedliche Ergebnisse, was durch eine deutlich andere Patientenpopulation erklärbar war. Hier waren wiederum butyrat-produzierende Keime vermindert.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass auch bei Typ 2 Diabetespatienten ähnlich wie bei Adipositas eine „gut microbiotal signature“ vorliegt. Es dürfte in der Mikrobiota von Typ 2 Diabetespatienten eine Verschiebung Richtung entzündungsfördernder Keime stattfinden, die dann über den Darm hinaus pro-entzündliche Effekte im Organismus verursachen könnten („metabolische Infektion“).

Die Mikrobiota spielt möglicherweise sowohl bei der Entstehung von Adipositas und Typ 2 Diabetes als auch bei späterer Erkrankung eine Rolle. Die Diversität der Mikrobiota nimmt bei Adipositas ab, und die Mikrobiota verändert ihre Interaktionsmöglichkeiten mit dem Wirt. Auch Studien bei nicht-alkoholischer Fettlebererkrankung (NAFLD) haben zuletzt gezeigt, dass es zu einer deutlichen Dysbiose kommt. Über verschiedenste Interaktionen mit dem Immunsystem reguliert diese „pro-entzündliche“ Mikrobiota dann Entzündungsprozesse im ganzen Körper.

Univ.-Prof. Dr. Herbert Tilg ist Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck mit den Schwerpunkten Endokrinologie, Gastroenterologie und Stoffwechsel.

Saal 2c Sa, 26.4., 14:52 Uhr