Hauptstadtkongress

eHealth – Fluch oder Segen für die Arztpraxis?

eHealth – Fluch oder Segen für die Arztpraxis?
Hermann Gröhe bei der Kongresseröffnung
(c) Hauptstadtkongress/Flickr

Eines der zentralen Themen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit 2015 ist die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Befeuert wird das Thema durch das neue eHealth-Gesetz, das vor zwei Wochen beschlossen wurde und zum 1. Januar 2016 in Kraft treten soll.

Ein Blick in die Arztpraxen und Krankenhäuser verrät, dass sich in den vergangenen Jahren schon einiges in Sachen Digitalisierung getan hat. So berichtet Kristian Meinck, Facharzt für Labormedizin und Geschäftsführer des Laborverbunds Greifswald, dass mittlerweile 10 der 130 Mitarbeiter des Verbundes IT-Mitarbeiter seien: „IT ist ein Erfolgsfaktor für das Unternehmen und ein Wettbewerbsvorteil.“

Für Sand im Getriebe sorgen jedoch Relikte wie der erforderliche Überweisungsschein des Haus- oder Facharztes, der im Laborverbund nach wie vor manuell bearbeitet werden muss. Der Schein bleibt zudem wichtige Informationen zu Anamnese und Medikation schuldig, die ein Labormediziner für eine gute Befundinterpretation benötigt.

Informationsfluss von der Aufnahme bis zur Entlassung

Tim Steckel, Geschäftsbereichsleiter Finanzen, Controlling und strategische EDV des Klinikums Ernst von Bergmann GmbH in Potsdam, stellt einen durchgängigen Informationsfluss von der Aufnahme bis zur Entlassung vor. Auf einem speziellen Portal können die Zuweiser Befunde und Arztbriefe zu ihren Patienten abrufen. Das Portal werde nach einigen Marketingaktionen gut angenommen, aber auch er schränkt ein: Es handelt sich bislang um eine rein unidirektionale Kommunikation des Klinikums an seine Zuweiser.

Das Fazit lautet einstimmig: Die Digitalisierung innerhalb der Praxen und Kliniken funktioniert gut. Die Abrechnung erfolgt in den Praxen flächendeckend digital, vielerorts verdrängt die digitale Dokumentation langsam aber sicher die Karteikarte.

Bidirektionale Kommunikation problematisch

Das Problem ist jedoch die bidirektionale Kommunikation, der Austausch von Daten zwischen den kooperierenden Einrichtungen Arztpraxis, Krankenhaus, Reha-Einrichtung, KVen. Das sieht auch der Bundesgesundheitsminister so. Es gebe kein Anwendungsproblem, sondern ein Vernetzungsproblem, so Hermann Gröhe zur Kongresseröffnung: Man sei mit Sportwagen auf Feldwegen unterwegs. Geht es nach dem Bundesminister, soll das gerade beschlossene eHealth-Gesetz schleunigst für die sicheren Datenautobahnen sorgen.

Während der Minister den Patientennutzen in den Vordergrund stellt und der Selbstverwaltung nach den desaströsen Erfahrungen mit der elektronischen Gesundheitskarte vorbeugend mit Sanktionen bei Blockade des Gesetzes droht, stellen sich die Ärzte und Krankenhausvertreter andere – praktische – Fragen.

Wer zahlt die Digitalisierung?

Wie kann die Digitalisierung so voranschreiten, dass sie die Ärzte entlastet? Wer baut die Schnittstellen zwischen den unzähligen Praxissoftware- und Krankenhausinformationssystemen? Welche Datenschutz-Standards sollen gelten? Und vor allem: Wer zahlt? Die Anschubfinanzierung, die das eHealth-Gesetz für zwei Jahre in Aussicht stellt – Krankenhäuser und Ärzte sollen z.B. für die Nutzung des elektronischen Entlassbriefes eine gesetzlich festgelegte Vergütung erhalten – wird auf dem Kongress wohlwollend diskutiert, räumt die Skepsis aber nicht vollständig aus. 

Abseits der von Technik getriebenen Debatte um Interoperabilität von Schnittstellen  und um den Austausch großer Datenmengen, lenkt Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker und Buchautor, während der Kongresseröffnung den Blick auf die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen: Big Data sorge nicht nur für den gläsernen Patienten, sondern letztlich auch für den gläsernen Arzt, für die volle Transparenz von Diagnose und Therapie.