Die Beziehung zwischen Adipositas und Tumoren

Die Beziehung zwischen Adipositas und Tumoren
Prof. Dirk Müller-Wieland Foto: Reinhart

Wiesbaden – Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland nahm in seinem Vortrag am Dienstag Stellung zu der Frage, in welcher Beziehung Adipositas und Tumoren stehen.

Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas steigt weltweit und auch in Deutschland. „Da ist die Frage, welche Beziehungen zwischen Adipositas und Tumoren bestehen, von großer Relevanz für die Forschung und Klinik“, sagte Müller-Wieland. Im Folgenden ging er auf klinische Assoziationen, postulierte Mechanismen und klinische Implikationen ein.

„Nach Angaben der nationalen Verzehrstudie haben in Deutschland nur circa 40 Prozent der Bevölkerung kein Übergewicht“, hielt Müller-Wieland fest. Die International Agency for Research on Cancer (IARC) halte die Evidenz für eine Assoziation zwischen Adipositas und Krebs für ausreichend im Fall eines Karzinoms des Endometriums, der post-menopausalen Mamma, der Niere, des Colon und des Oeso‧phagus. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes bestehe ein deutlich erhöhtes Risiko für ein hepatozelluläres Kariznom sowie ein erhöhtes Risiko für Karzinome des Pankreas und der Harnblase. In der Cancer-Prevention-Studie II wurde in der Verlaufsbeobachtung von mehr 900 000 Patienten mit Krebs in den Jahren 1982 bis 1989 eine circa zweifach erhöhte krebsbezogene Sterblichkeit gefunden, wenn Gruppen mit einem BMI größer gleich 35 und einem BMI kleiner 25 verglichen wurden.

Veränderte Fettablagerung

In Bezug auf mögliche Mechanismen werden zahlreiche Aspekte diskutiert, die insbesondere mit Funktionsstörungen von Adipozyten assoziiert seien. Durch eine Störung der Adipozytenfunktion kann es zu einer veränderten Ablagerung und Verteilung von Fett kommen. „Es wird derjenige krank, der das Fett dort hat, wo es nicht hingehört – beispielsweise in der Leber“, erklärte Müller-Wieland.

Zudem könnten endokrine und parakrine Funktionen von Adipozyten verändert sein, die unter anderem mit einer Beeinflussung ihrer extrazellulären Matrix und Angiogenese verbunden seien. Die endokrine Aktivität von Fettzellen habe Implikationen für die Insulin/Insulin-like-Growth-Factor-1-(IGF-1) Achse für die Produktion von Östrogenen und sonstigen Adipokinen.

Diese Mechanismen führen laut Müller-Wieland bei entsprechendem genetischen Hintergrund und zusätzlich bestehenden Umweltfaktoren über eine Insulinresistenz mit konsekutiver Hyperinsulin‧ämie, Aktivierung von Sauerstoffradikalen durch Hyperglykämie und erhöhten freien Fettsäuren zu einer veränderten Mitose sowie direkten Effekten auf der DNA-Ebene. Erhöhte inflammatorische Mechanismen und Konzentrationen vaskulärer Wachstumsfaktoren seien bei Adipositas beobachtet worden. In Zukunft müsse geklärt werden, welche Mechanismen wie, wann und in welchem Organ für eine Initiierung oder Progression von Krebszellen verantwortlich sind. Dies habe klinische Implikationen für Screening und frühzeitig einsetzende Strategien in der Therapie und Präven‧tion. (mr)