"Klug entscheiden"

DGIM-Initiative geht in die nächste Runde

DGIM-Initiative geht in die nächste Runde
Professor Dr. med. Gerd Hasenfuß (c) DGIM

Bis zum Herbst will die DGIM für jeden internistischen Schwerpunkt zehn Empfehlungen aussprechen, um Über- und Unterversorgung zu verhindern. Eine Umfrage unter Internisten soll zudem Ursachen und Lösungsansätze identifizieren. Das gab die DGIM am 9. Juli in Berlin bekannt.

Mit der Initiative „Klug entscheiden“ geht die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) der Frage nach, welche medizinischen Leistungen in der Inneren Medizin überflüssig sind und welche zu selten zum Einsatz kommen. Bis zum Herbst möchte die DGIM für jeden Schwerpunkt ihres Fachs zehn Empfehlungen formulieren: je fünf Negativ- und fünf Positivempfehlungen.

Nach Erarbeitung der Choosing wisely-Empfehlungen durch die Schwerpunkte soll ein weiterer Abstimmungsprozess stattfinden, bei dem auch Patientenvertreter beteiligt sein werden. Anschließend erfolgt die Veröffentlichung der Empfehlungen, und zwar sowohl für die Ärzte, als auch für die Patienten, die gleichen Inhalte mit unterschiedlicher Erklärungstiefe.

Mitgliederbefragung im Sommer

Um die Hintergründe für Über- und Unterversorgung besser zu verstehen, führt die DGIM außerdem eine Mitgliederbefragung zum Thema durch. Ziel ist es zu erfahren, wie häufig überflüssige und unterlassene Leistungen in der täglichen Praxis  vorkommen, welche Gründe es dafür gibt und wo die Befragten mögliche Lösungen sehen.

"Für diese Befragung möchten wir einen repräsentativen Querschnitt der  DGIM-Mitglieder heranziehen, der alle Schwerpunkte berücksichtigt und ebenso eine sinnvolle Verteilung zwischen klinisch tätigen Ärzten und Kollegen in der Praxis  vorsieht", sagte Professor Dr. med. Dr. h. c. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der  DGIM. Die Ergebnisse dieser Befragung sollen bis zum Spätherbst vorliegen.

Hasenfuß: Negativempfehlungen fehlen

Verzichten Sie auf bildgebende Untersuchungen bei Rückenschmerzen, die nicht länger als sechs Wochen dauern. Verschreiben Sie keine Antibiotika bei einfachen Atemwegsinfekten. Setzen Sie keine Stents in Herzkranzgefäße ein, wenn keine Durchblutungsstörung vorliegt. Dies sind drei Beispiele für medizinische Leistungen, von denen die DGIM im Rahmen der Initiative „Klug entscheiden“ abrät.

„Medizinische Leitlinien geben zahlreiche hilfreiche Handlungsempfehlungen für bestimmte Erkrankungen und raten dem Arzt, was in der konkreten Situation zu tun ist“, sagt Professor Dr. med. Gerd Hasenfuß, 1. Vorsitzender der DGIM. „Zu selten finden sich in den Leitlinien jedoch Hinweise, welche Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden Ärzte unterlassen sollten“. Der Mangel an Negativempfehlungen führe zu Überversorgung, meint der Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Insbesondere noch unerfahrene, junge Ärzte würden dazu neigen.

Klug entscheiden in der Geriatrie

Die drei von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie als am häufigsten identifizierten
Problembereiche der Überversorgung sind: 1. Antibiotika zur Behandlung einer Bakteriurie bei älteren Menschen sollen nicht angewendet werden, es sei denn, es besteht eine spezifische klinische Symptomatik der Harnwege.

2. Eine Ernährung von Patienten mit fortgeschrittener Demenz durch eine  endoskopisch zu legende Sonde (PEG) soll nicht erfolgen; stattdessen ist die  intensivierte orale Ernährungsunterstützung angezeigt. 3. Benzodiazepine oder  andere sedierende beziehungsweise dämpfende Medikamente für ältere Patienten sollen keine Maßnahmen der ersten Wahl bei Schlafstörungen, Erregtheit oder  Verwirrtheit sein.

Antibiotikaeinsatz reduzieren durch kluges Entscheiden

Die Zahl der infrage kommenden Maßnahmen, die in der Infektiologie unterlassen werden sollten, ist hoch. So hat zum Beispiel die Antibiotikatherapie bei akuten oberen Atemwegsinfektionen keinen Nutzen, da diese überwiegend viral bedingt sind. Auch bei asymptomatischer Bakteriurie sind keine Antibiotika notwendig, da kein Krankheitswert besteht und Antibiotika das Auftreten symptomatischer  Harnwegsinfektionen nicht verhindern.

"Mit der raschen Zunahme der diagnostischen Techniken und neuen Therapien in den letzten Jahrzehnten stellt auch der zu häufige Gebrauch von medizinischen Tests ein zunehmendes Problem dar", sagte Privatdozentin Dr. med. Norma Jung, Oberärztin an der Klinik I für Innere Medizin der Universität zu Köln.