Klinik Codex der DGIM ein Thema in Mannheim

Das Wohl des Patienten immer im Mittelpunkt

Das Wohl des Patienten immer im Mittelpunkt
Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger Schunk

Im vergangenen Jahr stellte Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger den Klinik Codex der DGIM offiziell vor. Bei der 124. Jahrestagung in Mannheim gibt es zwei Sessions zu diesem Thema. Mit MOC DGIM sprach Schumm-Draeger über die Inhalte dieser Verpflichtung der Ärzte gegenüber dem eigenen Handeln im Sinne der Patienten gegen ökonomische Interessen.

MOC: Auf dem DGIM-Kongress 2017 unter Ihrer Präsidentschaft war der Klinik Codex bereits ein Thema, im Dezember wurde er offiziell vorgestellt. Was ist die zentrale Aussage dieser ärztlichen Selbstverpflichtung?
Schumm-Draeger:
Ärztinnen und Ärzte, die sich den Inhalten des Klinik Codex anschließen, sehen sich dazu verpflichtet, ihr ärztliches Handeln stets am Wohl des Patienten auszurichten mit absolutem Vorrang des Patientenwohls gegenüber ökonomischen Überlegungen.

MOC: Der Konflikt zwischen Patientenwohl und ökonomischen Anforderungen betrifft alle Ärzte. Sie möchten, dass auch andere medizinische Fächer und Berufsgruppen sich dem Klinik Codex anschließen. Wie weit sind die anderen Fächer bei diesem Thema?
Schumm-Draeger:
Die Probleme und Herausforderungen, die sich für die Ärzteschaft aus dem Spannungsfeld Medizin und Ökonomie im klinischen Alltag ergeben, sind natürlich kein Thema allein der internistischen Fachdisziplinen. Ich habe immer wieder von Aktionen und Diskussionen zu diesem Thema bei anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften und in medizinethisch ausgerichteten Gremien gehört. Die Medizinethik und Philosophie beschäftigen sich seit längerem mit ähnlichen Themen. Das Thema insgesamt ist somit kein Neuland für die DGIM gewesen. Neu ist der Ansatz der konkreten Ausgestaltung eines Klinik Codex, also eine eher pragmatische Orientierung und Grundlage für persönliches Handeln im ärztlichen Berufsalltag anzubieten. Der DGIM war es wichtig, ethische Fragen der Ökonomisierung stärker mit dem alltäglichen Versorgungsgeschehen zu verknüpfen.   

MOC: Welche Maßnahmen sind geplant, um den Klinik Codex bei allen Interessengruppen im Gesundheitssektor bekannt zu machen?
Schumm-Draeger:
Neben zwei Fachsymposien im Rahmen des diesjährigen Internistenkongresses 2018 in Mannheim, hat die DGIM inzwischen mit der Aussendung eines Ausdrucks des Klinik Codex-Texts an alle Mitglieder begonnen. Wir wollen das Thema in der Fachöffentlichkeit und den Medien präsent machen, und planen hierzu derzeit weitere Aktionen. Für uns Ärztinnen und Ärzte bedeutet das Vertrauen der Patienten in unser Handeln stets eine große Verantwortung. Wir können diese Verantwortung als Ärzteschaft tragen, in dem wir dafür sorgen, dass auch zukünftig uneingeschränkt eine qualitativ hochwertige und dem kranken Menschen zugewandte medizinische Versorgung stattfindet. Unser Ziel ist es, durch Veranstaltungen und Aktionen die kontinuierliche Weiterentwicklung des Klinik Codex mittel- und langfristig zu verstetigen.

MOC: Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Bereitschaft Ihrer Kollegen, sich mit den politisch gesetzten Rahmenbedingungen aktiv auseinanderzusetzen, diese mitzugestalten und ggf. kritisch zu hinterfragen?
Schumm-Draeger:
Wir haben im Rahmen der Vorbereitungsarbeiten zum neuen Klinik Codex, und auch nach seiner Veröffentlichung, sehr viele positive Reaktionen erhalten. Der Klinik Codex scheint einen Nerv bei den Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Unsere ärztlichen Aufgaben werden immer stattfinden unter den Bedingungen, die die Gesundheitspolitik fachlich vorgibt und die die Gesamtgesellschaft akzeptiert. Die Ärzteschaft ist ein zentraler Bestandteil des Gesundheitswesens. Damit wird von uns geradezu erwartet, die Zusammenhänge zwischen politisch gesetzten Rahmenbedingungen und ihren Auswirkungen auf die Patientenversorgung aufmerksam wahrzunehmen und konstruktiv zu hinterfragen.

Es ist beispielsweise für uns alle eine wichtige Frage, ob die fortschreitende Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung dazu führen darf, dass Renditen vielleicht bald wichtiger als das Patientenwohl werden könnten. Jede Ärztin und jeder Arzt entwickelt im Lauf seines Berufslebens hierzu eine persönliche Haltung. Der Klinik Codex ist in diesem Kontext ein Orientierungs- und Unterstützungsangebot. Wenn Politik verstanden wird als Begrifflichkeit für alle diejenigen Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die unser Gemeinwesen (Polis) betreffen, hat der Klinik Codex natürlich auch politische Aspekte. Ich persönlich freue mich aber vor allem darüber, dass der neue Klinik Codex eine positive Wirkung auf die Patientenversorgung erzielen kann. Die politische Dimension ist für mich dabei nicht der primäre Aspekt. Lassen Sie uns gemeinsam beobachten, wie sich diese Themen insgesamt entwickeln werden.

MOC: Muss akademisches Management- und Ökonomiewissen perspektivisch stärker in die Ausbildung jedes Mediziners integriert werden?
Schumm-Draeger:
Es ist sicherlich besonders für Ärztinnen und Ärzte mit Führungsaufgaben hilfreich, persönlich ein wirtschaftliches Grundwissen zu haben. Kritisch sehe ich aber Forderungen, dass die Ärzteschaft, neben ihren fachlich-medizinischen Kernkompetenzen, am besten auch noch Managementexperten sein sollten. Wir sind zu allererst Ärztinnen und Ärzte, und damit abstrakt formuliert die wichtigsten Experten und Ansprechpartner für kranke und versorgungsbedürftige Menschen. Unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem sind sehr komplex strukturiert und nach dem Prinzip der Arbeitsteiligkeit organisiert. Komplexität mag den Blick auf Ursache-Wirkung-Zusammenhänge manchmal erschweren. Das Prinzip der Arbeitsteiligkeit in der Gesundheitsversorgung bedeutet aber, dass es eine Aufgabe der ökonomischen Berufsgruppen ist, gute Medizin dauerhaft und stabil zu ermöglichen. Dieses gilt es nun verstärkt einzufordern. Die aktuellen Diskussionen z.B. um die Fehlsteuerungen im DRG-System sind hier ein deutlicher Hinweis.

MOC: Auf dem diesjährigen Kongress wird es zwei Sessions zum Klinik Codex geben. Wie werden diese ablaufen und was erhoffen Sie sich?
Schumm-Draeger:
Die beiden Sessions werden das Thema „Klinik Codex“ inhaltlich ergänzend aus Sicht der DGIM als wissenschaftlicher Fachgesellschaft, und aus Sicht des BDI als Berufsverband behandeln. In der ersten Session (DGIM) werden vier Impulsvorträge aus Sicht der Medizinethik und aus Ärztesicht eingebracht. Anschließend wird im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Gesundheitspolitik, Klinikmanagement und von Patientenverbänden über die Perspektiven und Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Medizin, Ökonomie, Gesundheitspolitik und Ethik diskutiert.

In der zweiten Session werden in einem gemeinsamen DGIM-BDI Symposium die Sichtweise der Thematik mit Blick auf das Statement des deutschen Ethikrates, der ärztlichen Berufsordnung als Grundlage ärztlichen Handelns sowie der Ethikkommissionen der Krankenhäuser beleuchtet und ebenso die Position des ärztlichen Direktors einer Klinik hinterfragt, inwieweit ökonomisch ausgelöste Konflikte hier gelöst werden können. Die Thematik wird mit erfahrenen Funktionsträgern der Gesundheitsbranche diskutiert.