Adipositas – Einfluss der neuen Forschungsergebnisse auf aktuelle Präventions- und Therapiestrategien

Adipositas – Einfluss der neuen Forschungsergebnisse auf aktuelle Präventions- und Therapiestrategien
Prof. Stephan C. Bischoff Foto: Reinhart

Wiesbaden – Den Plenarvortrag zum Thema Adipositas hielt bereits am Kongresssamstag Prof. Dr. Stephan C. Bischoff. Er stellte die neuesten Erkenntnisse vor.

Die Prävalenz der Adipositas ist in den letzten wenigen Jahrzehnten weltweit gestiegen mit Spitzen in den westlichen Industrienationen, so Bischoff. Die Folgen seien beängstigend, denn sie beträfen nahezu alle großen Volkserkrankungen, darunter Hypertonie, Herzinfarkt, Apoplex, periphere Durchblutungsstörungen, aber auch Diabetes Typ 2 und Fettstoffwechselerkrankungen, und zuletzt sei belegt worden, dass auch zahlreiche maligne Erkrankungen bei Adipösen vermehrt auftreten.

„Dies betrifft in erster Linie Darmkrebs und andere gastrointestinale Tumoren, aber auch Brustkrebs und Ovarialkarzinom, um nur die wichtigsten zu nennen“, sagte Bischoff. Aber nicht nur Epidemiologie und Folgeerkrankungen bereiteten Sorge, sondern auch die „Gaps“ in der Grundlagen- und in der klinischen Forschung. Bis heute sei unklar, warum Menschen bei gegebener Hyperalimentation unterschiedlich zunehmen. Offene Fragen beträfen auch das Verständnis der Gewichtsregulation. Zweifelsfrei liege die Regulationszentrale im Gehirn, das allerdings abhängig sei von peripheren Signalen aus dem Fettgewebe, endokrinen Organen und dem Gastrointestinaltrakt.

Aktuelle Forschungsergebnisse

In den letzten Jahren seien wesentliche neue Erkenntnisse zur Pathogenese von Adipositas und assoziierten Erkrankungen generiert worden. Als neue Schwerpunktthemen der Adipositasforschung nannte Bischoff beispielsweise Hirnfunktionen, Gut-Brain Axis, Gut-Liver Axis und das intestinale Mikrobiom. Gerade die bislang kaum beachtete Rolle der Darm-Mikrobiota für die Energieaufnahme wurde in zahlreichen Studien bestätigt und die Konsequenzen für Adipositas wurden definiert.

Dies bedeute, dass heute neben Diabetologen und Endokrinologen zunehmend auch Gastroenterologen und Mikrobiologen in dem Bereich Adipositasforschung aktiv werden. Trotz neuer Forschung blieben physiologische Grundsätze gültig: Adipositas habe mit Energieaufnahme zu tun, Gewichtsreduktion mit Reduktion der Energieaufnahme. Aber diese einfache Formel werde relativiert durch zahlreiche Stellgrößen, die an der Gewichtsregulation beteiligt seien. „Dies sind hormonelle, metabolische, immunologische oder nervale Signale von unterschiedlichen Organen wie Darm, Leber, Pankreas und Fettgewebe, die im Gehirn integriert werden, bevor dort über Nahrungsaufnahme und -verwertung entschieden wird“, erklärte Bischoff.

Neueste Therapieoptionen

Erste Anzeichen neuer Richtungen haben bereits Einzug in die Routinetherapie gefunden. Beispielsweise gebe es seit einigen Jahren eine Reihe von Diabetesmedikamenten, die Darmhormone als Zielstruktur haben. Ballaststoffe, die die Mikrobiota beeinflussen, werden zur Prävention von Adipositas und Diabetes empfohlen.


Bei der Bewertung neuer Therapieansätze sei nicht nur nach dem Individuum, sondern auch nach der Zielsetzung zu differenzieren. Bereits vorhandene Humandaten zeigten, dass in der Initialphase der Adipositastherapie, wenn es um eine substanzielle Gewichtsreduk‧tion geht, die Limitation der Energiezufuhr durch geeignete Diäten oder der Resorption durch bariatrische Intervention einerseits und die Erhöhung des Energieverbrauchs durch Bewegung andererseits die essentiellen Maßnahmen seien. In der anschließenden Gewichtsstabilisierungsphase gelten möglicherweise andere Prinzipien.

Neben diesen medizinisch-wissenschaftlichen Aspekten müssten in diesem Zusammenhang andere Fragen der Versorgungsforschung geklärt werden wie beispielsweise Fragen der Compliance und der Eigenmotivation, Fragen der Gesetzgebung und der Zuständigkeiten unter den verschiedenen Stakeholdern und nicht zuletzt Fragen der Finanzierung und Finanzierbarkeit. „Nur so kann es gelingen, dass wir über den Nachweis von Wirkung und Wirksamkeit auf Individualbasis zu einer bevölkerungsweiten Effizienz bei der Prävention und Therapie von Adipositas kommen“, hielt Bischoff abschließend fest. (mr)