Befürchtung und Chance

Befürchtung und Chance

Eine vorbehaltlose Priorisierungsdiskussion mahnt Prof. Raspe an. „Unsere Priorisierungsdiskussion ist durch Missverständnisse belastet. Das gravierendste besteht darin, dass reflexhaft ,Rationierung‘ gehört wird, wenn ,Priorisierung‘ gesagt wurde, und Rationierung allein negativ verstanden wird.“ 

Vor diesem Hintergrund wird Prof. Dr. med. Dr. phil. Heiner Raspe in enger Anlehnung an ein schwedisches Vorbild das Modell einer vertikalen Priorisierung vorstellen. Es setzt zwei Diskurse voraus: einen gesamtgesellschaft¬lichen zu den Zielen, Werten und Kriterien jeder Priorisierung in der medizinischen Versorgung und einen zweiten professionell dominierten, der zusätzlich evidenzbasiert über die relative Wichtigkeit/Dringlichkeit definierter diagnostischer oder therapeutischer Leistungen innerhalb bestimmter Krankheitsbereiche berät.

Wo rangiert die Kosteneffizienz?

Es liegt auf der Hand, dass zu den zu berücksichtigenden ethischen Prinzipien auch das der Kosteneffizienz gehört. In Schweden rangiert es hinter dem Menschenwürde-Prinzip und hinter dem Bedarfs- und Solidaritätsprinzip auf Platz drei, betont Raspe, Seniorprofessur für Bevölkerungsmedizin, Zentrum für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung an der Universität zu Lübeck. Priorisierung resultiert in Empfehlungen, die Entscheidungen dazu Legitimierter informieren, nicht aber vorwegnehmen.

Ihre normative Kraft ist so stark oder gering wie die von klinischen Praxisleitlinien. Priorisierungsleitlinien richten sich weniger an Kliniker als an Organisations- und Systemverantwortliche (Klinikleitungen bis hin zum Gesetzgeber). Sie erleichtern ihnen unter anderem die Regulierung von Unter- und Überversorgung, die Einordnung neuer Methoden, die Zu-, Auf- oder Umverteilung (immer begrenzter, aber nicht immer auch knapper) Ressourcen und schließlich auch „Disinvestments“ und harte Rationierungen.

Wenn tatsächlich rationiert werden muss, dann doch wohl hoffentlich nach geklärten Prioritäten?

Weil Priorisierung grundlegende gesellschaftliche Fragen und Werte anspricht, ist sie immer auch ein (umstrittenes) politisches Unternehmen. Da ihre (unter anderem in Schweden ausgearbeitete) Wertlehre jedoch erhebliche Überschneidungen mit der medizinischen Deontologie und Tugendlehre zeigt, könnte Priorisierung auch in der deutschen Medizin eine breite Resonanz und Akzeptanz finden und hier wie anderswo versorgungswirksam werden.