Demenz, Neuropathie, Schmerzen

Bedeutung der B-Vitamine nicht unterschätzen

Bedeutung der B-Vitamine nicht unterschätzen
JSB31 - Fotolia

B-Vitamine sind bekanntlich für die Funktion des Nervensystems unverzichtbar. Mangelzustände können daher verschiedene neurologische Erkrankungen fördern. Welche therapeutische Relevanz die neurotropen B-Vitamine bei Neuropathien, Schmerzen und Hirnleistungsstörungen wie Demenz haben, berichteten Experten auf einem B-Vitamin-Symposium von WÖRWAG Pharma am 30. Oktober 2017 anlässlich der Medizinischen Woche in Baden-Baden.

Erkrankungen wie Neuropathien, chronische Schmerzen und kognitive Defizite stellen im klinischen Alltag eine große therapeutische Herausforderung dar. Dass oftmals ein Mangel an BVitaminen in die Pathogenese der Erkrankungen involviert ist, wird nach Meinung der Referenten des Symposiums zu wenig beachtet. Dabei eröffnet diese Erkenntnis wirksame kausale Therapieansätze. Gerade ältere und chronisch kranke Menschen weisen häufig Defizite an bestimmten B-Vitaminen auf, die zu beträchtlichen Störungen im peripheren und zentralen Nervensystem führen können. „Der Mangel tritt schleichend auf, die hierdurch eintretenden Folgeschäden sind aber nur in den Anfangsstadien reversibel“, warnte Prof. Dr. med. Karlheinz Reiners, Facharzt für Neurologie aus Erkelenz. Daher sei es so wichtig, diese frühzeitig zu erkennen und rasch zu behandeln.

Neuropathien bei Diabetes - auch an Vitamin B1-Mangel denken

So ist lange bekannt, dass ein Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) Neuropathien fördert. Gerade Diabetiker sind häufig sowohl von Neuropathien als auch von einem Mangel an Vitamin B1 betroffen, berichtete Prof. Dr. med. Hilmar Stracke, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen aus Gießen. Bedingt durch die Stoffwechselstörung haben sie einen erhöhten Bedarf an diesem Vitamin, gleichzeitig scheiden sie es vermehrt über die Nieren aus. Der Ausgleich des Vitamin B1-Mangels habe daher in der Behandlung der Neuropathie beim Diabetiker – neben einer möglichst normnahen Blutzuckereinstellung – einen hohen Stellenwert, betonte Stracke. Da Thiamin nur begrenzt resorbierbar ist, wird in der oralen Therapie die fettlösliche Thiamin-Vorstufe Benfotiamin (z. B. enthalten in milgamma® protekt) angewendet. Das Prodrug verfügt über eine fünffach höhere Bioverfügbarkeit als wasserlösliche Thiaminsalze und gleicht so einen nervenschädigenden Mangel effektiv aus1. Studien bei Diabetikern mit Neuropathien zeigten, dass durch eine Behandlung mit Benfotiamin – zum Teil als Monotherapie, zum Teil in Kombination mit anderen neurotropen BVitaminen – auch klinische Symptome wie Kribbeln, Brennen und Taubheit in den Füßen gelindert werden konnten2,3.

Bei Typ-2-Diabetikern, die mit Metformin behandelt werden, tritt zudem häufig ein Mangel an Vitamin B12 auf4. Dieser kann zu einer Degeneration von langen Rückenmarksbahnen führen, insbesondere der Hinterstrangbahnen und der Pyramidenbahn. Parästhesien und andere Symptome der peripheren Neuropathie können dadurch imitiert oder verstärkt werden. Stracke rät daher, bei Patienten unter Metformintherapie den Vitamin B12-Status anhand der Biomarker Holotranscobalamin und Methylmalonsäure zu kontrollieren und einen Mangel frühzeitig durch eine hochdosierte orale Therapie auszugleichen.

B-Vitamine in der Schmerztherapie

Nicht nur bei Neuropathien, sondern auch bei anderen Indikationen können B-Vitamine die Schmerztherapie ergänzen, berichtete Dr. med. Dietrich Göthel, Arzt und Apotheker aus Bergisch Gladbach. So habe sich etwa bei Neuritiden und schmerzhaften Muskel-Skeletterkrankungen eine Kombination der Vitamine B1 bzw. Benfotiamin, B6 und B12 bewährt. „Durch die neuroregenerative Wirkung können B-Vitamine die überwiegend symptomatische Wirkung der konventionellen Therapien mit Arzneimitteln sehr gut unterstützen“, betonte Göthel. Dadurch könne der Bedarf an Analgetika und Antiphlogistika – und damit auch deren Nebenwirkungen – verringert werden.

B-handelbare Ursache einer Demenz

Prof. Reiners gab zu bedenken, dass die Vitamine B1, B6 und B12 im zentralen Nervensystem eine ebenso bedeutsame Rolle spielen wie im peripheren Nervensystem. Eine Unterversorgung könne daher auch die geistige Leistungsfähigkeit und die Psyche erheblich beeinträchtigen. Gerade bei Senioren ist ein Mangel an Vitamin B12 ein verbreitetes Problem, da alters-, krankheits- und medikamentös bedingt die Vitamin B12-Resorption häufig gestört ist. Ein Defizit kann depressive Verstimmungen sowie kognitive Einbußen bis zur Demenz nach sich ziehen. Bei knapp zehn Prozent der geriatrischen Patienten mit Verdacht auf Demenz fand sich ein Vitamin B12-Mangel als potenziell reversible Krankheitsursache5. Den schweren Folgen steht mit der Supplementation eine einfache Therapie gegenüber. Entgegen früherer Annahme kann ein Vitamin B12-Mangel selbst bei Resorptionsstörungen auf oralem Weg wirksam ausgeglichen werden, wenn ausreichend hoch dosiert wird. Dosierungen von 1000 bis 2000 μg Cyanocobalamin (z. B. B12 Ankermann®; 1000 μg Cyanocobalamin pro Dragee) haben sich als ebenso effektiv erwiesen wie die parenterale Gabe6.

Die Experten waren sich einig, dass der fundamentalen Bedeutung der B-Vitamine für das Nervensystem in klinischen Alltag mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Quelle: Symposium “Starke Nerven durch B-Vitamine” anlässlich der Medizinischen Woche Baden-Baden, 30.10.2017, Veranstalter: WÖRWAG Pharma

Literatur

1Schreeb KH et al. Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Phamacol 1997; 52: 319–320
2Stracke H et al. Benfotiamine in diabetic polyneuropathy (BENDIP): Results of a randomised, double blind, placebo-controlled clinical study. Exp Clin Endocrinol Diab 2008; 116: 600–605
3Haupt E et al. Benfotiamine in the treatment of diabetic polyneuropathy – a three-week randomized, controlled pilot study (BEDIP Study). Int J Clin Pharmacol Ther 2005; 43: 71–77
4Chapman LE et al. Association between metformin and vitamin B12 deficiency in patients with type 2 diabetes: A systematic review and meta-analysis. Diabetes Metab 2016 Nov; 42 (5):316–327
5Djukic M, Wedekind D, Franz A, Gremke M, Nau R: Frequency of dementia syndromes with a potentially treatable cause in geriatric in-patients: analysis of a 1-year interval. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2015; 265 (5), 429–38
6Vidal-Alaball JV, Butler CC, Cannings-John R et al.: Oral Vitamin B12 versus parenteral vitamin B12 for vitamin B12 deficiency. The Cochrane Database Syst Rev 2005 Jul 20; (3), CD004655