Aktuelle Empfehlungen und neue Entwicklungen

Aktuelle Empfehlungen und neue Entwicklungen
Prof. Dr. Thomas Gress

Die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms steigt ab einem Alter von 50 Jahren deutlich an. Prof. Dr. Thomas Gress stellt am Dienstag aktuelle Empfehlungen und neue Entwicklungen zur Darmkrebsvorsorge in Deutschland vor.

Die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms steigt ab einem Alter von 50 Jahren deutlich an (1, 2), so dass mit der Darmkrebsvorsorge für die asymptomatische Bevölkerung ab dem Alter von 50 Jahren begonnen werden sollte. Die Sinnhaftigkeit der Durchführung einer Darmkrebsvorsorge sollte dann in Rücksprache mit dem Patienten unter Prüfung des biologischen Alters und eventueller Komorbiditäten erfolgen.

Bei erstgradigen Angehörigen von Indexpatienten mit einem kolorektalen Karzinom oder einem bekannten Kolonadenom sollte die Vorsorge früher begonnen werden. So sollte eine Koloskopie zehn Jahre vor dem Auftreten des Karzinoms beim Indexpatienten durchgeführt werden, spätestens aber im Alter von 40 bis 45 Jahren.

Von allen Maßnahmen zur Früherkennung kolorektaler Neoplasien besitzt die Koloskopie die höchste Sensitivität und Spezifität und stellt in Europa den Goldstandard dar. Auch nicht blutende Karzinome und Adenome können mit hoher Sensitivität nachgewiesen und im besten Falle abgetragen werden. Durch die Abtragung von Adenomen kann die Adenom-Karzinomsequenz unterbrochen werden, so dass die durch das kolorektale Karzinom bedingte Mortalität gesenkt wird (4).

Fünf Jahre nach einer unauffälligen Koloskopie zeigen sich keine Karzinome, schweren Dysplasien, villösen oder tubulovillösen Histologien (5), so dass bei unauffälligem Befund die Koloskopie erst nach zehn Jahren wiederholt werden muss.

Personen, die für eine Koloskopie nicht infrage kommen oder diese ablehnen, kann eine Sigmoidoskopie angeboten werden, die der Koloskopie aufgrund der geringeren Reichweite unterlegen ist, aber ebenfalls die Kolonkarzinom-Inzidenz senkt. Zusätzlich zur Sigmoidoskopie sollte dann eine jährliche Untersuchung nach okkultem Blut im Stuhl (FOBT) durchgeführt werden.
Radiologische Verfahren wie die CT-Kolonographie und die MR-Kolonographie sollten für die Darmkrebsvorsorge in der asymptomatischen Bevölkerung nicht eingesetzt werden. Die Indikation bleibt Patienten vorbehalten, bei denen aus bestimmten Gründen eine komplette Koloskopie zum Beispiel aufgrund von Adhäsionen nicht durchgeführt werden kann.

Das Gleiche gilt für die Kapselkoloskopie. Stuhltests zum Nachweis von fäkalem okkultem Blut (FOBT) sollten bei Personen mit einem durchschnittlichen Darmkrebsrisiko, die keine Koloskopie wünschen, jährlich ab dem Alter von 50 Jahren durchgeführt werden.

Hierbei steht neben dem klassischen Guajak-Test (gFOBT) inzwischen ein immunologischer FOBT (iFOBT) mit nachgewiesener hoher Spezifität (> 90 %) und Sensitivität zur Verfügung. Dieser kann ebenfalls eingesetzt werden und zeigt eine hohe Kosteneffektivität. Der iFOBT ist jedoch zurzeit noch nicht als Kassenleistung anerkannt, könnte aber zunehmende Bedeutung erlangen (6). Genetische Stuhltests und der M2-PK-Stuhltest sollten nicht für die Darmkrebsvorsorge in der asymptomatischen Bevölkerung eingesetzt werden.

Drei kürzlich veröffentlichte Studien mit langen Nachsorgeintervallen von bis zu 30 Jahren haben die Wirksamkeit der Kolonkarzinomvorsorge in der Senkung der Mortalität durch das Kolonkarzinom belegt.

Die National Polyp Study (4) konnte in einem auf FOBT, Sigmoidoskopie oder Barium-Kontrasteinlauf basierenden Screeningverfahren eine Senkung der Mortalität am kolorektalen Karzinom um 53 Prozent zeigen. In der Minnesota Colon Cancer Control Study (7) konnte mit einem jährlichen FOBT die Mortalität durch kolorektales Karzinom um 32 Prozent gesenkt werden. Die Nurses Health Study zeigt bei 88 902 Teilnehmern, dass die Mortalität durch Kolonkarzinom mit der Sigmoidoskopie um 41 Prozent und mit der Koloskopie um 68 Prozent sinkt (8).

Zusammenfassend verbleibt kein Zweifel an der Wirksamkeit der Kolonkarzinom-Vorsorge, die in Deutschland mit einem landesweiten Koloskopie-Screening-Programm im Oktober 2002 eingeführt wurde und jedem Individuum ab 55 Jahren eine Koloskopie ermöglicht. Leider nehmen nur 17,2 Prozent der berechtigten Frauen und 15,5 Prozent der berechtigten Männer dieses Angebot zur Vorsorge wahr (9). Wichtigste Aufgabe für uns Ärzte ist es, durch entsprechende Aufklärung und Informationsveranstaltungen der Bevölkerung den Nutzen dieses Programms näherzubringen, und Vorbehalte oder Ängste auszuräumen. Die in Deutschland gültigen Empfehlungen zur Kolonkarzinom-Vorsorge wurden kürzlich in einer S3-Leitlinie aktualisiert (10).

Prof. Dr. Thomas Gress ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Stoffwechsel und Infektiologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg und seit 2011 Leiter der Clinical Trial Unit des DZIF am Universitätsklinikum Marburg.

Halle 1 Di, 29.4., 8 Uhr