Historisches Bewusstsein und Gedenken. Zur Genese und zu den Folgen des Forschungsprojekts.

Die DGIM in NS-Zeit und junger Demokratie. Zur Geschichte der Fachgesellschaft 1933–1970

Nachdem zahlreiche andere medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften oder auch andere Einrichtungen des Gesundheitswesens zunehmend an der historischen Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, auch in der NSZeit, gearbeitet haben, hatte sich die DGIM 2011 entschlossen, ein entsprechendes Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen. Der DGIM ging es mit ihrem Schritt zur geschichtswissenschaftlichen Auf und Verarbeitung ihrer Vergangenheit jedoch nicht darum, Mitläufer zu brandmarken oder pauschal zu verurteilen. Vielmehr war es die Absicht, das in den eigenen Reihen nur verschwommen erhalten gebliebene historische Wissen schärfer zu konturieren. Es galt Transparenz herzustellen, um zu klären, wie es passieren konnte, dass sich die Fachgesellschaft doch sehr weitgehend einem Unrechtsregime unterworfen hat.

„Wieso erst jetzt?“: Mit dieser Frage wird konfrontiert, wer heute Darstellungen zur NSVergangenheit von Einrichtungen oder Organisationen vorlegt. Immerhin hatte es bereits vor den Nürnberger Ärzteprozessen 1946/47 Wortmeldungen auch von Mitgliedern der DGIM gegeben, die schonungslos begangenes Unrecht beschrieben und nach den Ursachen suchten. Die Resonanz in Fachgesellschaft, Medizin und breiter Öffentlichkeit blieb gering. Das Ausbleiben der Debatte mag, wie es der Philosoph Hermann Lübbe aus Zürich beschrieben hat, „für die Stabilisierung der postnationalistischen und sich demokratisierenden Gesellschaft notwendig gewesen sein“.  Nach und nach wuchs jedoch der öffentliche Druck – gefördert durch Journalisten, Wissenschaftler und auch Ärzte. Ein neues Nachdenken setzte ein. Sich der Desiderate bewusst erschienen verstärkt seit den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Ergebnisse konkreter Forschungen: Gerhard Baade, Ernst Klee und Robert J. Lifton gehören bis heute zu den beachteten Autoren jener Zeit.

Die DGIM hat die Erkenntnisse der nun vorliegenden geschichtswissenschaftlichen Forschungen für sich ausgewertet. So kam es beispielweise zu konkret wirksamen Konsequenzen in der Erinnerungskultur der Fachgesellschaft: Die höchste Auszeichnung der DGIM wird seitdem nicht mehr nach dem ebenfalls in das NSRegime verstrickten Gustav von Bergmann, sondern nach dem Juden Leopold Lichtwitz benannt. Historisches Wissen hat zu dieser Entscheidung beigetragen. Als Bekenntnis zu ihrer historischen Verantwortung verabschiedete der Vorstand der DGIM 2015 anlässlich des Jahreskongresses zu Beginn der Ausstellung „Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der NSZeit“ eine wichtige Erklärung, in der sie letztendlich betont, wie verletzlich die Errungenschaften freiheitlicher Gesellschaften sind und wie wichtig das permanente Ringen um Toleranz, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit ist.

Am Ende müssen wir uns alle die Frage stellen, wie hätten wir uns verhalten, wenn wir in der damaligen Zeit gelebt hätten? Hätten wir uns durch die jahrelange „feine Verschiebung unserer Grundeinstellung“ genauso verhalten wie diese in dem jetzt erschienenen Buch beschriebenen Täter und Mitläufer? Hätten wir Widerstand geleistet – in welcher Form auch immer – womöglich auch unter dem Risiko massivster Repressalien der bestehenden Diktatur? Diese Frage kann nur sehr schwierig beantwortet werden.

Weitere Vorträge zum Thema Interdisziplinär:

Internistische Intensivmedizin

Dr. med. Klaus-Friedrich Bodmann

Update Weltseuchenlage 2018

Prof. Dr. med. Tomas Jelinek

Referent

Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch
Prof. Dr. med.

Generalsekretär der DGIM