Deutschland ist Weltmeister – nur nicht beim Impfen

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht „weltmeisterlich“, ob im Fußball, der Exportwirtschaft oder der Leistungsfähigkeit seines Gesundheitssystems. In Bezug auf die Impfquoten zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Bei der Masernelimination ist Deutschland in Europa das Schlusslicht. Auch andere Durchimpfungsraten zum Schutz vor Infektionskrankheiten lassen zu wünschen. Insgesamt beobachtet man in den westlichen Ländern eine Zunahme der Impfskepsis. Was sind die Gründe dafür? Die Risiko-Nutzen-Rechnung spricht eindeutig für Impfungen. Nur müssen die wissenschaftlich klaren Fakten die Menschen auch emotional erreichen.

Impfungen unterscheiden sich von anderen ärztlichen Eingriffen: Sie zielen nicht nur auf den Nutzen des Einzelnen, sondern auch auf den Schutz der ganzen Bevölkerung. Bei einer zu niedrigen Durchimpfungsrate ist die Herdenimmunität nicht mehr garantiert und vermeidbare Infektionskrankheiten können sich verbreiten oder sogar wiederaufleben. Da Impfungen bei Gesunden durchgeführt werden, ist von der Ärzteschaft eine besondere Sorgfalt zu fordern und strittige Punkte auch kritisch zu diskutieren.

Impulsreferat: Von der Herdenimmunität zum Gemeinschaftsschutz - wie motivierende Impfkommunikation gelingt (Dr. Eckart von Hirschhausen)

Ziel der anschließenden Podiumsdiskussion war es:

  • Hindernisse zu beschreiben
  • Lösungsvorschläge für höhere Impfquoten aufzuzeigen

Das Kommunikationspaket zu dieser Veranstaltung wird unterstützt von GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, MSD SHARP & DOME GMBH, Pfizer Deutschland GmbH, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und Seqirus GmbH.


Webcast: Das gesamte Expertensymposium jetzt anschauen


Jetzt herunterladen: Zusammenfassung des Expertensymposiums

Eine strukturierte Zusammenfassung des Expertensymposiums 2018 des Deutschen Ärzteverlags inklusive Impressionen und Statements der Teilnehmer können Sie hier herunterladen.

>> zum Download


Impressionen des Expertensymposiums

Alle Podiumsteilnehmer des Expertensymposiums 2018

Dr. Eckart von Hirschhausen bezog die Zuschauer mit ein.

Das Expertensymposium war wie in den vergangenen Jahren bis auf den letzten Platz belegt.

Obwohl alle Podiumsteilnehmer Befürworter des Impfens waren, kam eine lebhafte Diskussion zustande.

Prof. Dr. Cornelia Betsch

Prof. Dr. Thomas Mertens

Prof. Dr. Lothar H. Wieler

Hannes Ocik

Moderatorin Dr. Vera Zylka-Menhorn


Experten vor der Kamera

„Ärztliche Kommunikation muss auch Gefühle ansprechen“

Prof. Dr. Cornelia Betsch erklärt im Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen, welche Rolle die Patientenkommunikation und dabei die Gefühle der Menschen gegenüber dem Impfen spielen, um dessen Akzeptanz zu verbessern.

„Beim Sport entscheidet das Team gemeinsam über das Impfen“

Hannes Ocik, Ruder-Weltmeister mit dem Deutschland-Achter, teilt im Interview seine Erfahrung über medizinische Beratung und die Entscheidung pro oder contra Impfung. Ocik lässt dabei auch den wichtigen Aspekt der Gruppendynamik im Team anklingen – man entscheidet gemeinsam über die Impffrage, da das gemeinsame Ziel über allem steht.

„Zielgruppenspezifisch Vorteile der Impfung klarmachen und Ängste nehmen“

Der Zusatznutzen des neuen Vierfach-Impfstoffs für die Grippe ist mittlerweile von allen beteiligten Parteien bestätigt und wird ab der kommenden Saison eingesetzt werden. Im Interview schildert Prof. Dr. Thomas Mertens, wie man zukünftig gemeinsam gegen die Impfmüdigkeit beim medizinischen Personal vorgehen will.


Hohe Impfbeteiligung wichtiger als optimaler Impfstoff

Wir können nicht nur uns selbst, sondern auch andere durch Impfungen schützen, zum Beispiel vor einer Grippe – eine hohe Durchimpfungsrate vorausgesetzt.

Wenn ein Impfstoff suboptimal zusammengesetzt ist, wie dies für die trivalente Influenza-Vakzine dieser Saison gilt, brauchen wir umso dringlicher eine möglichst komplett durchgeimpfte Bevölkerung.

Der wichtigste solidarische Aspekt des Impfens ist, dass bei hoher Durchimpfungsrate ein Gruppenschutzeffekt entsteht, der auch Leute einschließt, die sich selbst nicht impfen lassen können, z. B. Immunsupprimierte, betonte Dr. Eckart von Hirschhausen, Autor und Fernsehmoderator.

Die vergleichsweise hohe Erkrankungszahl an Grippe in dieser Wintersaison lässt sich nur teilweise darauf zurückführen, dass die in diesem Jahr dominierende Influenza-B-Linie seit langer Zeit erstmals wieder aufgetreten ist, aber in der von den gesetzlichen Krankenkassen erstatteten trivalenten Vakzine nicht enthalten war, erklärte Prof. Dr. Lutz Wieler. „Wenn wir anstatt des Dreifachimpfstoffs den Vierfachimpfstoff breit eingesetzt hätten, wäre die Saison sicher günstiger verlaufen“, meinte Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Aber sie wäre auch günstiger verlaufen, wenn man eine hohe Durchimpfungsrate mit der trivalenten Vakzine erreicht hätte. Denn viel wichtiger als ein optimaler Impfstoff sei, dass sich alle Menschen impfen lassen, egal womit. Von der Hauptindikationsgruppe der über 60-Jährigen wird aber nur etwa ein Drittel geimpft.

Selbst bei Angehörigen von Gesundheitsberufen gibt es große Lücken. Nur 30 Prozent der Pflegekräfte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen lassen sich gegen Influenza impfen, von den Ärzten nur 60 Prozent. Die Ärzte begründen dies oft damit, dass die Wirkung der Influenzaimpfung nicht optimal sei. Das sei aber ein Denkfehler, monierte Prof. Dr. Cornelia Betsch, Diplom-Psychologin an der Universität Erfurt.

Ist ein Impfstoff suboptimal, kann man sich weniger auf den Gemeinschaftsschutz verlassen. Und wenn man die Schwere und Häufigkeit der Grippe bedenkt, zählt jeder Schutz mehr als kein Schutz, so Prof. Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts in Berlin.

Auch bei anderen Impfungen, die wesentlich effektiver und langfristig schützen, wie der Masernimpfung, gibt es Lücken. Von der Masern-Elimination sind wir deshalb weiter entfernt als noch vor einigen Jahren. Die Masernerkrankungen haben vor allem im letzten Jahr wieder deutlich zugenommen.

Um diese Lücken zu schließen, steuerten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion einige Ideen bei. Zum Beispiel kann sich von Hirschhausen vorstellen, dass Ärzte eindeutig Position beziehen, indem Sie einen Button tragen, z. B. mit der von Betsch vorgeschlagenen Aufschrift „Ich bin geimpft, sprechen Sie mich auf Ihre Impfung an!“ Damit signalisiert der Arzt automatisch, dass Impfen wichtig ist und vergisst in der Alltagshektik nicht, auf das Thema zu sprechen zu kommen.

Von Hirschhausen plädierte dafür, sich vom Papierdokument Impfpass zu verabschieden und einen elektronischen Impfpass mit Erinnerungsfunktion einzuführen. So könnten alle Beteiligten besser den Überblick behalten. Insgesamt sollten wir Ärzte unsere Botschaften zum Impfen auf professionellere Weise an den Patienten bringen, so von Hirschhausen, z. B. mit grafisch gut aufbereiteten Kommunikationsgrundlagen.

Wieler wies darauf hin, dass auch organisatorische und abrechnungstechnische Barrieren, die das Impfen regelrecht behindern, aus der Welt geschafft werden müssten, z. B. dass der Kinderarzt nicht auch Eltern impfen kann, die ihre Säuglinge zur Impfung bringen. Betsch hält es für zielführend, das Impfen generell einfacher zu machen, etwa dadurch, dass man sich auch in der Apotheke ohne Termin impfen lassen kann. Viel spricht auch dafür, die Aufklärung über das Impfen fest in den Schulunterricht zu integrieren.

Der größte Feind einer vernünftigen Aufklärung aber ist vor allem das Internet, in dem der Patient sehr viel mehr Unsinn und Fake News zum Thema Impfen findet als seriöse Informationen. Schlechte Nachrichten und vermeintliche Sensationen stehen bei Google weit vorne und verbreiten sich mit rasender Geschwindigkeit. Sie beflügeln erheblich die Impfskepsis in der Bevölkerung. Wie Mertens forderte, braucht das Impfen auch in der Ausbildung von Ärzten wieder eine solidere Basis, damit Ärzte ausreichend Wissen über wichtige Fakten zum Impfen gewinnen. So können sie auch überzeugender argumentieren, wenn ihnen Skepsis entgegenschlägt. (Dr. Angelika Bischoff)

Quelle: Symposium „Deutschland ist Weltmeister – nur nicht beim Impfen“, Veranstalter Deutscher Ärzteverlag, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 16. April 2018, Mannheim


Hintergrund

Vor hundert Jahren nahm eine der verheerendsten Pandemien der Geschichte ihren Anfang: die Spanische Grippe. Am 6. März 1918 wurde das erste Opfer der Infektionskrankheit registriert, die in ihrem Verlauf innerhalb von nur zwei Jahren schätzungsweise zwischen 25 und 50 Millionen Menschenleben forderte. Es gab viele Faktoren, die Einfluss darauf hatten, dass diese Form der Influenza derart dramatisch verlief. Der Erste Weltkrieg hatte viele Menschen körperlich ausgezehrt. Außerdem kamen an Influenza erkrankte Soldaten in die verschiedensten Teile der Welt und sorgten für eine schnelle Ausbreitung des zusätzlich sehr aggressiven Erregers mit schweren Krankheitsverläufen. Doch eine der wohl wichtigsten Ursachen ist, dass es noch keine Influenzaimpfung gab.

Ein Grippeimpfstoff wurde erst um 1940 herum entwickelt. Obwohl die grundsätzlichen Bedingungen für eine Immunprävention seit den 1950er-Jahren deutlich besser waren, gab es noch zwei weitere große Influenzapandemien: 1957 grassierte die sogenannte Asiatische Grippe, in deren Folge bis zu zwei Millionen Menschen weltweit starben. Vor genau 50 Jahren kam es mit der Hongkong-Grippe das bislang letzte Mal zu einer Influenzapandemie, die schätzungsweise mehr als eine Millionen Todesopfer forderte. Die Gefahr einer Influenza wurde damals sehr unterschätzt. Bis Anfang der 1970er-Jahre, schien sich hierzulande fast niemand für die Grippeschutzimpfung aus den Vereinigten Staaten zu interessieren. Erst 1982 rangen sich die deutschen Behörden zu einer Empfehlung durch.

Und wie sieht es heute aus? Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine schwerere Grippewelle, obwohl sie in keinem Verhältnis zu den großen Pandemien der Vergangenheit steht. Schon 358 Tote durch Influenza wurden vom Robert Koch-Institut (RKI) bestätigt. Viele Kliniken sind an der Belastungsgrenze. Aus einem Leipziger Krankenhaus gab es bereits Berichte, dass die Betten belegt seien und neue Patienten kaum mehr untergebracht werden könnten. Ein weiteres Problem: Neben den hohen Erkrankungsraten in der Bevölkerung erhöht sich zusätzlich auch der Krankenstand des medizinischen Personals. Viele Klinikmitarbeiter stecken sich selbst mit dem Virus an, denn die Durchimpfungsraten unter dem Personal sind schlecht. „Dadurch werden die Mitarbeiter und Patienten unnötigen Gefahren einer Erkrankung ausgesetzt“, erklärt der Podiumsteilnehmer und Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Prof. Dr. Thomas Mertens.

Laut WHO wäre bei der Influenza eine Durchimpfungsrate von 75 Prozent zumindest unter Senioren erstrebenswert. Deutschland erreichte in der Saison 2016/17 im bundesweiten Durchschnitt aber gerade einmal 34,8 Prozent – Tendenz fallend.

Podiumsteilnehmer Dr. Eckhart von Hirschhausen hebt die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft in den Vordergrund: „Die Grundidee bei allen Infektionskrankheiten ist, dass es sich nicht um ein individuelles, sondern ein Problem von uns allen handelt. Indem ich mich impfen lasse, schütze ich mich selbst. Aber viel wichtiger ist doch, dass ich Leute schütze, die sich nicht schützen können.“

Warum ist es trotz Impfstoffen bis heute nicht gelungen, die Influenza zu beherrschen oder gar auszurotten – so wie es bei den Pocken gelang? Dies ist eine Frage, die auch Patienten immer wieder stellen und die sie am Wert der Impfung zweifeln lässt. Die Folge: Die Impfquoten sinken.

In den 80 Jahren, die vergangen sind, seit die erste Influenzaimpfung hergestellt wurde, gab es massive Verbesserungen der Wirksamkeit. Am grundsätzlichen Wirkprinzip hat sich in den letzten Jahrzehnten aber wenig geändert. Und darin liegt eine der größten Schwächen der Grippeimpfung. Das menschliche Abwehrsystem erkennt Influenzaerreger vor allem an einer Struktur auf der Oberfläche, mit der das Virus an die Körperzellen andockt: dem aus drei identischen Molekülteilen bestehenden Hämagglutinin. Alle saisonalen Impfstoffe zielen nun vor allem auf den oberen Be-reich des Proteins. Doch diesen verändern die Viren stetig.

Weil sich Grippeviren ständig verändern, muss auch der Impfstoff jedes Jahr neu zusammengestellt werden. Über die jeweilige Rezeptur wird mit fast einem Jahr Vorlauf entschieden; so lange dauern die Produktionsprozesse, um die Vakzine für die ganze Welt verfügbar zu machen. Immer wieder kommt es vor, dass die Experten mit ihrer Prognose teilweise danebenliegen. Anthony Fauci, Direktor des amerikanischen Instituts für allergische und infektiöse Krankheiten, musste kürzlich im New England Journal of Medicine eingestehen, dass es auch in dieser Grippesaison wieder einen solchen Misserfolg gegeben hat. Ende Januar berichteten kanadische Mediziner, dass der aktuelle Impfstoff nur bei jedem sechsten Patienten in Nordamerika eine Erkrankung verhindern könne. In Europa sieht die Lage etwas besser aus; hier kursieren in dieser Wintersaison vor allem andere Erregertypen. „Trotz der schwankenden Impfeffektivität ist die Impfung die wichtigste Maßnahme zum Schutz vor einer Erkrankung“, erklärt der Podiumsteilnehmer und Präsident des RKI, Prof. Dr. Lothar H. Wieler.

In Deutschland hat bei dieser Grippewelle der quadrivalente Influenza-Impfstoff besser gepasst als der trivalente. Allerdings wäre eine Universalvakzine das Nonplusultra, die im besten Fall längerfristige Immunität verspräche. Entwicklungsansätze gibt es bereits. Doch selbst dann müsste man die Menschen dazu bringen, sich damit impfen zu lassen. (Dustin Grunert)



Mit freundlicher Unterstützung von

GSK
www.pfizer.de
SANOFI
www.seqirus.com