Kongresspräsident Prof. Cornel C. Sieber fordert einen Facharzt für Geriatrie

"Wir sind Reisebegleiter der älteren Patienten"

"Wir sind Reisebegleiter der älteren Patienten"
Prof. Cornel C. Sieber setzt sich für einen holistischen Ansatz bei der Behandlung von Patienten ein. Reinhart

Kongresspräsident Prof. Dr. Cornel C. Sieber rückte 2018 die medizinische Betreuung älterer Menschen in den Fokus. Er hält einen ganzheitlichen medizinischen Ansatz für die alternde Gesellschaft für notwendig, der viele weitere Fächer statt ausschließlich die Innere Medizin mit einbezieht.

MOC DGIM: Was lässt uns eigentlich altern und was sind die bekanntesten Alterungsfaktoren?
Prof. Dr. Cornel C. Sieber:
Gene machen nur circa 30 Prozent im Alterungsprozess aus. Damit sind etwa 70 Prozent modulierbar, wovon die eine Hälfte vom soziologischen Status, der Ausbildung und der Hygiene beeinflusst wird und die andere vom biomedizinischen Fortschritt. Dabei spielt die innere Medizin eine große Rolle. Warum wir altern, hat eben nicht nur genetische Ursachen, sondern viel mit dem sogenannten oxidativen Stress zu tun. Dieser kommt allerdings nicht nur von außen – also durch Umweltschäden, Rauchen, schlechte Ernährung – wir haben auch intern oxidativen Stress in der Zelle. Das lässt uns mittelfristig altern und ist über drei Faktoren positiv beeinflussbar: körperliche Aktivität, Ernährung und Sozialkontakte.

MOC DGIM: Die medizinische Versorgung alter Menschen folgt anderen Maximen als die jüngerer Menschen. Was bedeuten sogenannte Relevanzentscheidungen?
Sieber:
Wir leben in einer Zeit stark evidenzbasierter Medizin, die sich primär auf wichtige klinische Stu‧dien konzentriert. Initial sollten jedoch die Erfahrungen des Arztes und die Patientenpräferenz einbezogen werden. In der relevanzbasierten Medizin soll zusätzlich eine Multimobilität geschaffen werden – insbesondere bei Menschen mit vielen Krankheiten, wie es bei älteren Menschen der Fall ist. Wir müssen uns fragen, was diese Leute beschäftigt und was ihre Ziele sind. Daraus bilden wir ein Mosaik aus Diagnostik und Therapie – die relevanzbasierte Medizin.

MOC DGIM: Sie ermutigen die Kollegen zu einem Possibilismus. Was meinen Sie damit?
Sieber:
Der Possibilismus liegt zwischen Pessimismus und Optimismus. Man sagt, dass man nicht alles machen kann und auch nicht sofort alles machen muss. Gerade bei hochbetagten Menschen ist das wichtig. Es geht nicht nur darum, dass sie nicht alle durch Krankheiten gefährdet sind. Manchmal tun wir den Menschen nichts Gutes, wenn wir zu viel, zu schnell und zu intensiv behandeln. Wir müssen schauen, was möglich ist: französisch possible, daher das Wort Possibilismus.

MOC DGIM: Damit gehen andere Anforderungen an die betreuenden Mediziner einher. Hat ein Internist grundsätzlich die Kompetenz für diese komplexe Aufgabe?
Sieber:
Einiges hat sich schon geändert. Mittlerweile ist die Medizin des alternden Menschen Pflicht im Studium. Natürlich sind wir Altersmediziner nicht die einzigen, die in dieser Komplexität mit der Inneren Medizin umgehen können. Was uns ausmacht, ist, dass wir nicht nur die Physis, sondern auch die Psyche und den sozialen Aspekt bei der Betreuung dieser Patienten als wichtig erachten. Wir arbeiten in multidisziplinären und interprofessionellen Teams: Pflege, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Ernährung, Sozialdienst und auch Spiritualität. Mittelfristig gibt es die Entwicklung, dass die gesamte Innere Medizin „geriatrisiert“ wird. Diabetologie ist sowieso eine Fachrichtung, die in diese Richtung geht, aber auch in der Kardiologie mit chronischen Herzinsuffizienzen bei älteren Patienten oder der Pneumologie mit den Themen COPD und Asthma ist diese Entwicklung bereits da. Wir können nicht alles besser, aber wir können neue Einflüsse in diesen Fächerkanon einbringen.

MOC DGIM: Erfordert das nicht auch einen Facharzt für Geriatrie?
Sieber:
Meiner Meinung nach braucht es diese modulare Entwicklung. In drei deutschen Bundesländern gibt es sie bereits. In Italien oder Frankreich, wo die Altersmedizin einen niedrigeren Stellenwert hat, ist sie dringend notwendig. Nur mit einem Facharzt kommen die Akademisierung und dadurch jüngere Kollegen in das Fach. Dann gibt es in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch eine passende wissenschaftliche Fachgesellschaft wie die DGIM für die Innere Medizin. Der Großteil der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen macht auch Altersmedizin, aber in Form von „Learning by doing“. Als älterer Arzt hatte man jedoch keine Altersmedizin im Studium. Wir müssen auch für diese Kolleginnen und Kollegen schauen, wie wir damit umgehen. Das gilt auch für andere Bereiche. Ich kann eine Hypertonie behandeln, und erst wenn es schwieriger wird, benötige ich einen Spezialisten.

MOC DGIM: Ihr Kongressmotto lautet „Medizin für den ganzen Menschen“. Was steckt hinter diesem holistischen Ansatz?
Sieber:
Der Ansatz stammt von Professor Siegenthaler. Seine Schüler waren meine Mentoren, von denen ich den Ansatz übernommen habe. Obwohl die Spezialisierung extrem zugenommen hat, müssen wir holistisch denken und agieren. Ich sage manchmal, ich bin der Reisebegleiter dieser Menschen, und meine Aufgabe ist es zu schauen, was der Mensch braucht und was seine Präferenz ist. Deshalb muss die Innere Medizin auch holistisch sein und das Ganze abdecken – also eine Innere Medizin für den ganzen Menschen.