Geschlechtsspezifische Besonderheiten bei Infektionskrankheiten sind bekannt und nachgewiesen

Leitlinien berücksichtigen nicht das Geschlecht

Leitlinien berücksichtigen nicht das Geschlecht
Dr. Clara Lehmann: „Frauen haben eine geringere Viruslast als Männer.“ Schunk

Reagieren Frauen anders als Männer bei Infektionskrankheiten? Wenn ja: Warum ist das so und inwieweit hat das Folgen für die Therapie? Diesen Fragen widmete sich ein Symposium auf dem DGIM-Kongress 2018.

Dr. Clara Lehmann, Infektiologin an der Uniklinik Köln, stellte Untersuchungen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden beim HIV-Infektionsverlauf vor. Es sei nachgewiesen, dass Frauen eine geringere Viruslast haben als Männer, bei beiden Geschlechtern sei die Zeit bis zur Entwicklung von AIDS gleich. Frauen mit der gleichen Viruslast wie Männer haben dagegen ein höheres Risiko, an AIDS zu erkranken.

Lehmann: „Frauen zeigen höhere Aktivitäten bei der Immunantwort. Und eine höhere Immunaktivierung führt dazu, dass HIV bei Frauen schneller ausbricht.“ Nachgewiesen sei, dass der Östrogenspiegel während des Menstruationszyklus die T-Zell-Antworten verändere; das gelte auch für den Zeitraum von Schwangerschaften.

Obwohl dies so sei, berücksichtigten aktuelle klinische Leitlinien zum Therapiebeginn das Geschlecht nicht. Das liege daran, dass Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert seien. In der Therapie müsse aber berücksichtigt werden, dass Frauen andere immunologische Antworten zeigten und ihre Immunzellen und inflammatorischen Immunantworten größer seien.

Anatomische Risikofaktoren bei Frauen

Das Thema Harnwegsinfektionen beleuchtete Dr. Sina Helbig, Internistin und Infektiologin aus Dresden. Sie verwies auf die anatomischen Risikofaktoren bei Frauen – kürzere Urethra, Urethraausgang nahe an Anus und Vagina –, die altersunabhängig seien, während bei Männern „nur“ die altersabhängige Prostatahyperplasie als Risikofaktor vorliege. Kompliziert werde die Therapie der Zystitis bei älteren Männern und Patienten mit Diabetes mellitus und instabiler Stoffwechsellage. Während bei Männern die Indikation zu einer Urinkultur immer gegeben sei, ist sie bei Frauen angezeigt bei komplizierter Harnwegsinfektion (HWI), bei rezidivierender HWI und bei therapierefraktärer HWI – sowie bei Schwangerschaften. Eine Differenzialdiagnose bei akuter Zystitis bei Männern sollte bei jüngeren Patienten die Komplikation durch sexuell übertragbare Infektionen (STI) einschließen (Erreger: Chlamydia trachomatis, N. gonorrhoeae) und bei älteren die Komplikation einer Harnwegsinfektion (gramnegative Erreger wie etwa E. coli).

Hepatitis C war das Thema von PD Dr. Benjamin Maasoumy von der MH Hannover. Das Risiko einer Übertragung durch Nadelstich liege bei weniger als drei Prozent. Eine Rolle spielten Ko-Faktoren. So übten starker Alkoholkonsum, Ko-Infektionen wie HBV und HIV, ein Diabetes und auch ein Alter über 40 Jahren negativen Einfluss aus; positive Wirkung dagegen hätten hoher Kaffeegenuss, keine oder nur milde Fibrose sowie ein Alter unter 30 Jahren. Genderspezifische Unterschiede zeigten sich bei der akuten und der chronischen Hepatitis C als Vorteil von Frauen bei Spontanremissionen und der Fibroseprogression. Nicht nachgewiesen, aber angenommen werden Vorteile von Frauen bei bestimmten Therapieregimen.

Immunität bei parasitären Erkrankungen

Die Hamburger Veterinärmedizinerin Dr. Hannelore Lotter wies nach, dass das Geschlecht die Immunität bei parasitären Erkrankungen beeinflusst. So würden Östrogen- und Androgenrezeptoren von vielen Immunzellen exprimiert, die Geschlechtshormone hätten zudem Einfluss auf die T-Zell-Immunität. Männer erkrankten häufiger nach Infektionen mit Parasiten. So konnte nachgewiesen werden, dass bei der Amöbiasis im Tiermodell weibliche Mäuse mehr schützendes IFNy produzierten, während männliche Mäuse mehr nichtschützendes IL-4 produzierten. Der Geschlechtsunterscheid bei der Amöbiasis sei durch eine TH2-Immunantwort charakterisiert und durch Testosteron revertierbar, Frauen seien durch die NKT-Zell-abhängige IFNy-Produktion geschützt. Künftige Untersuchungen müssten die zentralen Immunzellen und Mechanismen, die zu einem Geschlechtsunterschied bei einer Erkrankung führen, identifizieren.