"Klug entscheiden"-Initiative

DGIM gibt Ratgeber für die Notaufnahme heraus

DGIM gibt Ratgeber für die Notaufnahme heraus
vm/istockphoto

In der Notaufnahme zählt jede Minute: Bei Patienten, die mit Lungenembolien, schweren Infektionen oder akuten Brustschmerzen ins Krankenhaus kommen, kann jede Verzögerung die Überlebenschancen verschlechtern. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) hat deshalb „Klug entscheiden-Empfehlungen für die Notfallambulanz" herausgegeben.

Die „Klug-entscheiden-Empfehlungen" (KEE) sollen die Ärzte pragmatisch bei einer zielgerichteten Therapie unterstützen. Unter anderem gilt es auch, Unter- und Überversorgung des Patienten zu vermeiden. Der neu erschienene Ratgeber identifiziert wichtige Maßnahmen, die nach Einschätzung der Fachgesellschaften nicht immer fachgerecht ausgeführt werden. So rät die KEE bei Lungenentzündungen, die die Patienten sich außerhalb des Krankenhauses zugezogen haben, zu einer unverzüglichen Gabe von Antibiotika ‒ und zwar, ohne zuvor das Keimspektrum zu bestimmen und das Ergebnis dieser Analyse abzuwarten. Diese Empfehlung basiert wie die gesamte KEE auf hochwertigen klinischen Studien.

Lungenentzündung: Therapie an die drei Formen der Erkrankung anpassen

In der Notaufnahme gehören Lungenentzündungen zu den am häufigsten gestellten Diagnosen. Laut KEE soll die Therapie den drei Formen der Erkrankung angepasst werden ‒ sie ist also abhängig davon, ob die Lungenentzündung außerhalb, im Krankenhaus oder aufgrund einer Immunschwäche erworben wurde. Patienten mit schwerer ambulant erworbener Pneumonie etwa sollen demnach sofort, noch vor Vorliegen des genauen beteiligten Erregerspektrums, eine intravenöse Therapie mit einer Kombination verschiedener Breitspektrumantibiotika erhalten. Diese deckt weitgehend alle typischen an dem Infekt beteiligten Bakterien ab.

„Bis zu 30 Prozent der Patienten mit einer ambulant erworbenen Pneumonie sterben an dieser Pneumonieform. Für das Überleben entscheidend ist deshalb der frühzeitige Beginn der antibiotischen Therapie“, erläutert Prof. Dr. Claus Vogelmeier, Direktor der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin der Philipps-Universität Marburg und Vorsitzender der DGIM 2018/2019, die Empfehlung.

Unabhängig davon sollen laut KEE bei allen Patienten mit Verdacht auf schwere Infektionen mindestens zwei Blutkulturen an verschiedenen Punktionsstellen entnommen werden, um das Keimspektrum zu bestimmen ‒ erst danach soll die Therapie mit Antibiotika beginnen. „Damit schließen wir Fehldiagnosen, etwa durch Kontamination an der Entnahmestelle, aus“, so Vogelmeier. Dieses Vorgehen gelte auch bei der ambulant erworbenen Pneumonie. Je nach Ergebnis könne dann in einem zweiten Behandlungsschritt die initial breite Antibiotikatherapie durch einen weiteren Wirkstoff ergänzt werden.

Weitere KEE für die Notaufnahme betreffen das Vorgehen bei Atemnot, akutem Brustschmerz oder die Stufendiagnostik bei Verdacht auf Lungenembolie.

Empfehlungen orientieren sich an Leitlinien

„Gerade in der Notfallmedizin ist es sehr schwer, aktuelles Leitlinien-Wissen aus allen Fachbereichen stets parat zu haben ‒  das Leistungsspektrum umfasst hier schließlich das gesamte Gebiet der Inneren Medizin“, erklärt Prof. Dr. Gerd Hasenfuß (Göttingen), Sonderbeauftragter der DGIM für die Themen Digitale Medizin und „Klug entscheiden". Er war bei der Erstellung der KEE federführend: „Die neuen KEE sollen in der Notaufnahme tätige Ärztinnen und Ärzte bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit im Hinblick auf die richtige Behandlung bei internistischen Erkrankungen unterstützen“. DGIM-Generalsekretär Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch (Kiel) ergänzt: „Die Empfehlungen orientieren sich an den gültigen Leitlinien. Hinzukommen aber auch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse“.

Mit den KEE soll Unterversorgung, also das zu seltene Anbieten von wissenschaftlich belegten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, vermieden werden. Ebenso gilt es, die Patienten nicht überzuversorgen: „Bei Überversorgung handelt es sich um Leistungen, die der Patient erhält, obwohl sie wissenschaftlich für die individuelle Situation als unwirksam erkannt wurden und deshalb nicht angewendet werden sollten“, erklärt Fölsch. Unter- oder Überversorgung kämen aus Sorge der Ärzte vor, etwas Wichtiges zu unterlassen, und ebenso, weil Patienten bestimmte Therapien einforderten. Weitere Gründe sind Unkenntnis von Leitlinien und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fölsch ist sicher: „Die Orientierung an den KEE kann Leben retten - darüber hinaus sind sie ein wichtiger Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang mit den Geldern der Krankenversicherten".

"Klug entscheiden" ist eine Qualitätsoffensive der DGIM, die sich gegen Über- und Unterversorgung in der Medizin wendet. Klug-entscheiden-Empfehlungen (KEE) sollen eine konkrete Hilfe bei der Indikationsstellung zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen sein. Unter dem Dach der DGIM nehmen zwölf Fachgesellschaften an der Initiative teil und haben praktische Empfehlungen erstellt. Aktuell liegen 125 KEE, davon 66 Positiv- und 59 Negativempfehlungen, vor. Mehr über KEE und alle aktuellen Empfehlungen der DGIM finden Interessierte unter: www.klug-entscheiden.com